München/Memmingen – Vorsicht, die Briten kommen – oder auch nicht: Das Unternehmen Go-Ahead Bayern, das ab Ende des Jahres auf der Strecke München-Memmingen-Lindau die Deutsche Bahn ablösen soll, steckt in erheblichen Schwierigkeiten. Es fehlen nämlich die Züge. Hintergrund ist ein veritabler Wirtschaftskrimi.
Noch bemüht sich Winfried Karg, Sprecher von Go-Ahead, um Zweckoptimismus: Go-Ahead werde im Dezember starten. „Auf jeden Fall“, betont Karg. Die Frage ist aber, welche Züge Go-Ahead einsetzen wird.
Eigentlich ist die Lieferung von 22 Triebfahrzeugen des Typs Flirt des Schweizer Herstellers Stadler fest vereinbart. Etwa 15 sind schon im Werk Pankow bei Berlin gefertigt und stehen verteilt rund um die Hauptstadt auf Rangiergleisen. Fertig zur Abholung.
Nun aber hat Stadler erklärt, die Züge nicht an Go-Ahead auszuliefern. Denn die Briten, die ein Neuling auf dem bayerischen Schienenmarkt sind, haben sich bei der Zuginstandhaltung eine ungewöhnliche Lösung überlegt, die Stadler gar nicht passt. Anstatt selbst eine Werkstätte aufzubauen, verfielen die Briten darauf, das russische Unternehmen Transmashholding International zu engagieren. TMHI hat damit erstmals einen Fuß in der Tür des deutschen Bahnmarktes und baut für die Wartung der Go-Ahead-Züge eine Werkstatt in Langweid bei Augsburg.
Stadler befürchtet aber, dass Bahntechnik-Wissen in Richtung Russland abfließen könnte, wenn sie Wartungsbücher für die Flirt-Züge abliefern müssen. Der Verdacht der Industriespionage liegt in der Luft.
Der Vertrag zwischen Stadler und Go-Ahead untersage es, Wartungsleistungen an einen Wettbewerber von Stadler zu vergeben, betont Stadler in einer Mitteilung. TMHI ist indes einer der größten Fahrzeughersteller in Russland „und somit Wettbewerber“. „Damit sind die Vertragsbedingungen seitens Go-Ahead Bayern nicht erfüllt.“
Persönliche Animositäten zwischen dem früheren Siemens-Manager Hans Schubert, nun Chef von TMHI, mit dem langjährigen Stadler-Chef Peter Spuhler sollen den Streit angeheizt haben. Bis jetzt jedenfalls konnten „die grundsätzlichen Differenzen nicht überbrückt werden“, erklärte Go-Ahead. Man bereite nun „die nächsten Schritte vor“, so Go-Ahead-Geschäftsführer Patrick Verwer – ohne da ins Details zu gehen. Das kann heißen, dass sich Go-Ahead auf die Suche nach Zügen macht, die sie leasen können, bis der Konflikt gelöst ist. Leicht wird das nicht. Denn die vom Eisenbahnbundesamt ausgestellte Sicherheitsbescheinigung erlaubt es Go-Ahead nur, zwischen München und Lindau mit Triebfahrzeugen zu fahren – nicht aber etwa mit Lok-bespannten Einheiten. Triebfahrzeuge sind auf dem Bahnmarkt nur schwer auszuleihen. Selbst die Deutsche Bahn als Platzhirsch tut sich da schwer – mit der Folge, dass auf den Münchner S-Bahngleisen zeitweise Leihfahrzeuge aus Nordrhein-Westfalen fuhren, deren Einstiegshöhe gar nicht zum Niveau der Bahnsteige auf der Stammstrecke passte.
Das bayerische Verkehrsministerium beobachtet die Entwicklung genau. Die Rechtsstreitigkeiten seien der zuständigen Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) „nicht verborgen geblieben“, erklärt Sprecher Wolfgang Oeser gegenüber unserer Zeitung. Die BEG erwarte, dass Stadler und Go-Ahead ihre Differenzen „umgehend“ beilegen. Beide Unternehmen hätten das gegenüber der BEG auch signalisiert. Falls das nicht gelinge, dann sei es Aufgabe von Go-Ahead, einen Alternativ-Plan vorzulegen.
DIRK WALTER