„Jeder sollte Zivilcourage zeigen“

von Redaktion

INTERVIEW mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD)

Dieter Reiter (SPD) ist seit sieben Jahren Münchner Oberbürgermeister. Mit Schülerinnen des Sophie-Scholl-Gymnasiums sprach er über die Bedeutung von Sophie Scholl und der „Weißen Rose“.

Herr Reiter: Würde Sophie Scholl noch leben – was würden Sie sie gerne fragen?

Ich würde sie fragen, wie es ihr damit geht, dass heutzutage viele Menschen versuchen, das Thema Demokratie und Freiheit, für das sie damals gekämpft hat, für ihre Zwecke umzuinterpretieren. Beispielsweise, dass Querdenker und die rechte Szene behaupten, sie wollen unsere Grundrechte wieder zurückholen. Dabei wird Widerstand missbraucht und mich würde wirklich interessieren, wie Sophie Scholl das sieht – die ja bei allem Bewusstsein über die persönlichen Konsequenzen friedlich für Freiheit gekämpft hat. Sie hat das getan, was alle hätten tun müssen, aber sich nur die Allerwenigsten wirklich getraut haben.

Wie kamen Sie das erste Mal mit Sophie Scholl beziehungsweise der Weißen Rose in Berührung?

Ähnlich wie ihr beide, erstmals in der Schule. Das war damals – meine Schulzeit ist deutlich über 40 Jahre her – natürlich schon Inhalt im Unterricht, allerdings nicht sehr ausgeprägt. Das Dritte Reich war eher ein Randthema und ich hatte schon das Gefühl, dass es auch immer sehr mit Zurückhaltung unterrichtet wurde. Trotzdem hat man sich damit befasst, und wenn ich bedenke, für welche Banalitäten, wie die Aufhebung des Rauchverbots, ich mich damals als Klassensprecher eingesetzt habe, sieht man deutlich, für welche wirklich großen und wichtigen Themen die Weiße Rose gekämpft hat.

Ist Sophie Scholl für Sie ein Vorbild?

Das ist unumstritten: Sie war es und ist es immer mehr, je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt. Sie ist ein Vorbild, was das Thema Zivilcourage angeht, das Einstehen für Überzeugungen, da sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens für unser aller Freiheit und gegen den Nationalsozialismus eingetreten ist. Das ist wirklich bemerkenswert. Sophie Scholl ist vor allem in Deutschland das leuchtende Beispiel, was Zivilcourage erreichen kann, wenngleich sie ihren Erfolg leider nicht mehr miterleben durfte.

Was bedeutet Zivilcourage konkret für Sie?

Zivilcourage ist etwas, was wir im Alltag derzeit intensiver brauchen als vielleicht noch vor 20 Jahren. Wir erleben gerade Zeiten, in denen das, wofür wir alle, und ich auch persönlich, immer eingetreten sind, infrage gestellt wird: dass wir eine weltoffene, eine tolerante, eine bunte Stadt sind; dass niemand aufgrund seiner Hautfarbe, seines Glaubens oder seiner sexuellen Orientierung in irgendeiner Weise benachteiligt wird. Wir alle sind aufgerufen, viel mehr als wir das wahrscheinlich tun, Zivilcourage zu zeigen. Und da kann sich jeder selber Gedanken machen, was er in der U-Bahn machen würde, wenn ein dunkelhäutiger Mensch rassistisch angegriffen wird. Da muss sich jeder selbst fragen, ob er für diese Person einstehen würde. Ich weiß nur: Sophie Scholl hätte es getan.

Warum ist es so wichtig, die Geschichte von Sophie Scholl und der Weißen Rose am Leben zu erhalten?

Weil unsere Demokratie gerade, sogar von einer Partei, die im Bundestag vertreten ist, massiv angegriffen wird. Weil die Gräueltaten des NS-Regimes von mandatierten Mitgliedern dieser Partei einfach wegdiskutiert und ignoriert werden. Auch alles, was wir momentan zum Thema Rassismus oder Antisemitismus erleben müssen, wollten wir uns nie wieder vorstellen – und doch wird es von zu vielen in unserer Gesellschaft durch Wegschauen toleriert. Deswegen ist es umso wichtiger zu sagen, dass Wegschauen genau zu dem führt, was Deutschland damals erleben musste. Damals gab es mutige junge Frauen und Männer, die das Gegenteil gemacht haben und ich glaube, das ist auch das, was es heute braucht. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Hat die Stadt München aufgrund ihrer Geschichte eine besondere Verantwortung?

München als ehemalige sogenannte „Hauptstadt der Bewegung“ hat natürlich einen ganz besonderen Auftrag. Wir müssen an die Gräueltaten der NS-Zeit erinnern, da hier mit Goebbels Rede in der Reichspogromnacht alles angefangen hat. Wir haben uns bis in die 1960er/70er-Jahre schwergetan mit der Akzeptanz unserer Geschichte und darüber nicht gerne geredet. Ich bin sehr froh, dass wir uns jetzt auch dazu bekennen, was damals passiert ist. Und dass wir uns alle engagieren, um dafür zu sorgen, dass so etwas nicht mehr passiert. Ich habe in meinen sieben Jahren als Münchner Oberbürgermeister viele nennenswerte Demonstrationen mitmachen dürfen. Da haben mich die vielen tausend engagierten Menschen, die ganz klar Flagge zeigen, sehr beeindruckt. Das macht mich zufrieden und sicher, dass wir es niemals tatenlos hinnehmen würden, wenn sich diese Anzeichen wieder häufen würden.

Das Interview wurde geführt und aufgeschrieben von Maya Buse (15), 10b Clara-Marie Gramann (18), Q12.

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