Pestalozzi, der berühmte Schweizer Pädagoge, verlangte von der Mutter „einzig und allein – denkende Liebe“. Vielleicht ein Ideal, nicht erreichbar durch Umstände, durch Lasten, die Frauen seit Kindheit auferlegt sind – aber eine Möglichkeit. Die einzigartige Beziehung zu dem Menschen, der ein erstes Ja zu einem gesagt, einen monatelang in sich getragen und schließlich ins Leben hinausgepresst hat, ist miteinander und allein jede Mühe wert.
Mag sein, dass dabei die Mütterlichkeit auf einmal die Seiten wechselt – wenn Tochter oder Sohn dünn gewordene Hände halten, mit der Mutter behutsam nach verlorenen Erinnerungen und Gegenständen suchen, Musik für sie spielen oder ihre Wege zum Arzt und in den Supermarkt fürsorglich begleiten. Was für ein anrührender Muttertag, wenn sie sich anlehnt und bei den Kindern nach Halt sucht, erzählt, was sie noch keiner Seele sagte.
In einem seiner Briefe beschreibt der Apostel Paulus zwei sehr gegensätzliche Mütter. Hagar, die erst gebrauchte und dann verstoßene Zweitfrau Abrahams, die mit ihrem Sohn Ismael für Knechtschaft und Heimatlosigkeit steht. Freiheit versinnbildlicht Sara, die scheinbar unfruchtbare Ehefrau des Stammvaters, die zur Spätgebärenden wird. Archetypisch zugespitzt lesen sich die Möglichkeiten des Mutter- und Menschseins in diesen Zeilen.
Unterdrückung, rastlose Kinder, die unvermittelten Anteil bekommen an schweren persönlichen Erfahrungen der Mutter wie bei Hagar – dagegen Selbstständigkeit und Erziehung zu unabhängigen, verantwortlichen Persönlichkeiten bei Sara. Die Reinform wird es niemals geben. Aber vielleicht ließe sich vermerken für diesen und alle kommenden Muttertage: „…die Freie, das ist unsere Mutter“. Entweder in bestärkendem Ton, weil die zu feiernde Mama längst ihre Autonomie gewonnen und an die Kinder weitergegeben hat. Oder eben ermunternd für die Zukunft – im Sinne von Brechts „unwürdiger Greisin“, die erst in höherem Alter ausgeht und sich endlich gönnt, worauf sie früher verzichten musste. Ich wünschte, ich könnte meiner Mutter bei mancherlei liebenswürdigen Eskapaden zusehen – aber sie ist schon vierzig Jahre tot.
Danken aber kann man nicht allein den munteren Müttern, die zum Glück am Leben sind und deren Gesellschaft einen in vielfältiger Weise erfreut. Nachdenklich danken darf man auch denen, die schon von uns gegangen sind und einem mehr hinterlassen haben, als man manchmal denkt: Gewohnheiten, Verhaltensweisen, Vorlieben und Abneigungen. Sätze, die man selber nie sagen wollte und es jetzt doch tut.
Übrigens ist am Muttertag auch all denen zu danken, die gar keine Kinder haben und dennoch vielfältig Leben geben: durch Zuneigung, Ehrlichkeit, dadurch, dass sie ein offenes Ohr haben und kritische Worte nicht scheuen. Mütterlichkeit hat viele faszinierende Gesichter.
*Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates. Ihre Kolumne erscheint alle zwei Wochen.