Leichtes Aufatmen in Bayerns Chören

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER

München – Im Januar hat Karl Weindler seinen kleinen Chor ins Internet verlegt. Chorprobe via Zoom-Konferenz, das gab’s bis Corona auch noch nie in dem kleinen niederbayerischen Dorf Massing. Doch Weindler, der auch Präsident des Bayerischen Sängerbunds ist, weiß: Das Singen im Netz ist kein Ersatz für die Präsenz-Probe. „Das reicht nur, um die Leute irgendwie beim Singen zu halten.“ Aber ein echtes Gemeinschaftserlebnis sei unmöglich. „Bei einem Laienchor brauchen viele ihren Nebenmann oder die Nebenfrau.“

Ab 21. Januar soll das gemeinsame Singen zumindest im kleinen Rahmen wieder möglich sein. Das bayerische Kabinett hat gestern beschlossen, in Regionen mit einer Inzidenz von unter 100 wieder Proben für Chöre, Orchester und Theaterbühnen im Amateurbereich zu ermöglichen. Das Kunstministerium soll dazu noch Details in einem Rahmenhygienekonzept festlegen. Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) kündigte bereits an, dass im Innenraum nicht mehr als zehn Personen zusammenkommen sollen, außen sollen 20 Personen erlaubt sein. Bei Inzidenzen zwischen 50 und 100 ist außerdem ein Test für die Teilnahme an der Probe Pflicht (Geimpfte und Genesene ausgenommen). Noch offen blieb gestern, wie es mit Kulturveranstaltungen im Freien ab den Pfingstferien weitergehen soll. Herrmann kündigte an, dass die Details dazu im Lauf der Woche geklärt werden.

Bei der angekündigten Beschränkung von zehn Personen pro Probe kann Barbara Schmidt-Gaden nur mit dem Kopf schütteln. „Warum sollten in größeren Räumen nicht mehrere proben können?“ Die Geschäftsführerin des Tölzer Knabenchors fürchtet schon jetzt die „unglaubliche Aufbauarbeit“, die in ihrem Chor, der ebenfalls als Amateurchor gilt, zu leisten sein wird. Bislang hielt sie ihre Schüler mit Einzelunterricht – teilweise online, ab heute wieder in Präsenz – bei der Stange. „Aber seit Anfang Dezember hatten wir keine ordentliche Probe mehr.“ Lediglich mit einigen Kirchenkonzerten konnte das Live-Erlebnis aufrechterhalten werden. Aber selbst wenn ihre Schüler nun wieder in Zehner-Gruppen gemeinsam proben dürfen: „Wir haben 170 Kinder. Da müssten wir pro Woche 17 Proben auf die Beine stellen. Ein Wahnsinn!“

Bei den Laien-Schauspielern gibt es ebenfalls noch große Sorgen. „Es ist ein schönes Signal, dass sich jetzt etwas bewegt“, sagt Horst Rankl, Präsident des Verbands Bayerische Amateurtheater. „Aber alle Proben helfen uns nichts, wenn wir im Innenbereich nur vor einen Drittel der normalen Zuschauerzahl spielen können. Solange sich das nicht ändert, werden die Einnahmen nicht reichen, um zu überleben.“ Er hofft noch immer, dass Bayern wie Baden-Württemberg auch finanzielle Corona-Hilfen für die Amateurtheater zur Verfügung stellt. „Da hängen wir noch in der Luft.“ Und je länger die Theaterbühnen leer bleiben, desto mehr fürchtet auch er den Mitgliederschwund bei den vielen kleinen Theatervereinen.

Ob Karl Weindler seinen kleinen Chor in Massing schon zum 21. Mai wieder zur Probe lädt, ist derweil unwahrscheinlich. „Ich bin lieber vorsichtig und warte auf die zweite Impfung“, sagt der 69-Jährige. „Und das sehen viele unserer Chormitglieder genauso.“ Trotzdem ist er voller Freude, wenn endlich wieder vor Ort gesungen werden kann. „Die paar Wochen halten wir jetzt noch aus.“

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