Ambulanz für Kinder mit Corona-Spätfolgen

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Johannes Hübner und seine Kollegen am Haunerschen Kinderspital in München haben in den vergangenen Monaten viel über Corona gelernt. Gerade wenn es um die Langzeitfolgen der Krankheit geht, stehen die Ärzte aber noch am Anfang, erklärt er. „Bei den meisten Kindern verläuft Corona ohne oder nur mit milden Symptomen.“ Im Kinderspital wurden bisher nur wenige junge Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen behandelt. Doch die Zahl der Berichte über Patienten mit Spätfolgen scheint stetig zu steigen, berichtet Hübner. Oft ist der Zusammenhang von Symptomen wie chronischer Erschöpfung, Kopfschmerzen, Atembeschwerden oder Kreislaufproblemen mit dem Virus unklar – entweder, weil die Corona-Erkrankung nicht erkannt wurde, erklärt Hübner. Oder, weil manche der Symptome mit der allgemeinen Belastung durch die Pandemie zusammenhängen. Die Folgen können aber fast jedes Organ betreffen und im schlimmsten Fall sogar Organe schädigen. „Deshalb ist es sehr wichtig, dass all unsere Spezialisten zusammenarbeiten.“

Wichtig sei es, zunächst zu untersuchen, ob ein Symptom durch eine Corona-Infektion ausgelöst wurde. Dafür müssen die Ärzte sehr genau hinschauen, erklärt Hübner. „Denn die Pandemie ist für alle Kinder und Jugendlichen eine sehr belastende Situation.“ Auch ohne Infektion komme es häufig zu Schlafstörungen oder Konzentrationsproblemen. „Wir wollen keine Angst oder Panik machen“, betont er. Aber es sei wichtig, dass Eltern eine Anlaufstelle haben, wenn sie bei ihren Kindern Symptome feststellen.

Die soll es in München ab Anfang September geben. Die Kinderkliniken der Technischen Universität und der LMU errichten gemeinsam die bayernweit erste Spezial-Ambulanz für Kinder und Jugendliche, die unter Long-Covid leiden. Finanziert wird sie von der Stiftung „Care for Rare“, die sich für Kinder mit seltenen Erkrankungen stark macht. Es handelt sich dabei um eine Anschubfinanzierung, für die die Stiftung Spenden sammelt (Care-for-Rare-Foundation, IBAN DE93  6305 0000 0000 0035 33, Sparkasse Ulm, Stichwort Long-Covid). Langfristig hoffen die Ärzte auch auf staatliche Unterstützung.

Mit dem Geld wird auch das medizinisches Personal in den Fachdisziplinen mitfinanziert. „Wir haben die Experten der notwendigen Subdisziplinen in unseren Abteilungen“, erklärt Christoph Klein, Chefarzt im Dr. von Haunerschen Kinderspital und Gründer der Stiftung. Die Spezialisten seien aber im normalen Klinikalltag stark eingebunden. Durch die Hilfe der Stiftung können die Experten für die Long-Covid-Ambulanz „freigespielt“ werden, erklärt Klein. „Wir können aktuell noch nicht abschätzen, wie viele Fälle in den nächsten Monaten auf uns zukommen werden. Aber wir wollen vorbereitet sein.“

Da es in anderen Regionen Bayerns bisher keine vergleichbaren Stellen gibt, will die Spezial-Ambulanz für junge Patienten aus dem ganzen Freistaat offen sein – und auch mit anderen Kliniken eng zusammenarbeiten, erklärt Hübner. „Um eine flächendeckende Versorgung zu ermöglichen, sind Telemedizin-Strukturen geplant.“ Vorstellbar wäre eine wöchentliche Online-Besprechung, bei der andere Kliniken Fälle vorlegen könnten, sagt er. Zunächst Kliniken aus dem Münchner Umland, perspektivisch aus ganz Bayern. Auch ein digitales Register von Long-Covid-Patienten ist geplant.

„Wir kennen Covid-19 seit anderthalb Jahren“, sagt Hübner. „Vieles ist noch nicht erforscht.“ Besonders im Bereich der Spätfolgen gibt es sowohl bei Kindern, als auch bei Patienten viele offene Fragen. „Deshalb ist die Forschung für uns sehr wichtig.“ In der Long-Covid-Ambulanz sollen Patienten die Möglichkeit bekommen, an entsprechenden Forschungsprojekten teilzunehmen.

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