Die bedrohten Verwandten der Honigbiene

von Redaktion

VON IRENA GÜTTEL

Hilpoltstein/Braunschweig – Es summt wieder überall, wo Pflanzen blühen. Unermüdlich fliegen Bienen von Blüte zu Blüte. Für ein Glas Honig müssen Honigbienen viele Tausend Kilometer zurücklegen. Doch die Tierchen können viel mehr: Während sie Nektar sammeln, bestäuben sie nebenbei unzählige Pflanzen. Ohne Bienen gäbe es viel weniger Kirschen, Äpfel und Pflaumen. Allein in Deutschland sind nach Angaben des Deutschen Imkerbundes (DIB) 80 Prozent aller Blühpflanzen drauf angewiesen, dass Bienen und andere Insekten sie bestäuben.

Kaum ein Tier hat so ein positives Image wie die Honigbiene. Schon ganz kleine Kinder erkennen das Insekt. Schließlich bevölkert es Kinderbücher und hat mit Biene Maja sogar eine eigene Filmheldin. Kein Wunder, dass Nachrichten über das Bienensterben viele Leute beunruhigen. Der Verlust von Lebensraum, die Monokulturen in der Landwirtschaft und Pestizide machen Bienen zu schaffen – darauf weisen nicht nur am heutigen Weltbienentag viele Experten hin.

Doch Biene ist nicht gleich Biene. Die Honigbiene ist keineswegs vom Aussterben bedroht. Die Zahl der Honigbienen-Völker in Deutschland ist in den vergangenen Jahren sogar gestiegen: Etwa 160 000 Imker kümmern sich um geschätzt 1,1 Millionen Völker. „Die Honigbiene ist für die Bestäubung wichtig“, sagt Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz. „Aber sie kann es nicht allein.“ Wildbienen bestäuben zudem auch Pflanzen, an die Honigbienen nicht gehen. Und gerade diese oft spezialisierten Bestäuber sind stark bedroht.

Fast die Hälfte der mehr als 560 Wildbienen-Arten in Deutschland sei gefährdet oder gelte als verschollen, sagt Swantje Grabener vom Thünen-Institut für Biodiversität. Das geht aus der Roten Liste bedrohter Tier- und Pflanzenarten hervor – allerdings ist das der Stand von 2011. „Das verdeutlicht, wie wenig wir eigentlich über Wildbienen wissen“, sagt Grabener. Das liegt daran, dass es in Deutschland nur wenige Fachleute gibt, die sich mit den Insekten auskennen, und dass die Tiere im Feld schwer zu bestimmen seien.

Die Biologin und ihre Kollegen wollen Abhilfe schaffen: Sie bauen ein bundesweites Monitoring für Wildbienen in Agrarlandschaften auf. Damit wollen sie herausfinden, welche Arten in welcher Zahl wo verbreitet sind und welche Effekte zum Beispiel Blühstreifen in der Agrarlandschaft haben. Manche der Wildbienenarten sind so selten und unscheinbar, dass die meisten Menschen sie wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen haben – oder zumindest nicht als besonders erkannt haben. Wildbienen leben eher einzeln und stechen meist nicht, ihr Aussehen unterscheidet sich von Art zu Art stark.

Dass Initiativen zum Bienenschutz oft die gar nicht gefährdete Honigbiene als Wappentier verwenden, sieht der Umweltforscher Josef Settele kritisch. Denn bei dieser Art handele es sich um ein hochgezüchtetes Nutztier, erklärt er. „Aus Untersuchungen wissen wir: Wildbienen mit kleinem Aktionsradius können von Honigbienen verdrängt werden, wenn sie nicht auf genügend Blüten in der unmittelbaren Nachbarschaft ausweichen können.“ Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie. Forscher hatten über drei Jahre hinweg zur Blütezeit im Frühjahr bis zu 2700 Bienenstöcke in einem Nationalpark auf Teneriffa aufgestellt. Das Ergebnis: Bienenhaltung in natürlichen Umgebungen könne das Netzwerk wilder Bestäuber negativ beeinflussen. Die weltweite Haltung von Honigbienen könnte demnach größere und länger andauernde Folgen für Ökosysteme haben als bisher angenommen.

Der Deutsche Imkerbund widerspricht der Annahme, dass Honigbienen ihre wildlebenden Verwandten verdrängen können. Dass es in Einzelfällen durch widrige Umstände nicht für alle am selben Ort und zu jeder Zeit ausreichend Nahrung gibt, sei in der Natur nicht ungewöhnlich. Es gelte vielmehr, Hauptursachen des Wildbienenschwunds wie den Verlust an Nahrungs- und Nistmöglichkeiten anzugehen. Auch die Biologin Swantje Grabener hält nichts von einer Debatte, die die Honigbiene in Konkurrenz zu den Wildbienen stellt. Es komme immer darauf an, in welcher Region wie viele Bienenstöcke aufgestellt werden. Und am Ende verfolgten Imker und Wildbienenschützer die gleichen Ziele: mehr blütenreiche Habitate und weniger Pestizide.

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