Bad Tölz – Das Schreckensszenario vor diesem Winter 2020/2021 war gewaltig: Durch einen regelrechten Ansturm von Skitourengehern und Winterwanderern werde es auch deutlich mehr Bergwacht-Einsätze und Unfälle geben. Jetzt, zum Ende der Skisaison, kann die Bergwacht Bayern Entwarnung geben: „Die Masse an Menschen, die auf den Parkplätzen waren, spiegelt sich nicht in den Unfallzahlen wider“, sagte Otto Möslang, Vorsitzender der Bergwacht Bayern, gestern beim Rückblick auf den Winter.
Obwohl es deutlich mehr Menschen in die Berge zog und eine gute Schneelage über einen langen Zeitraum Wintersport ermöglichte, musste die Bergwacht zwischen dem 1. Dezember 2020 und dem 30. April 2021 nur zu 1349 Notfällen ausrücken – darunter in Skigebieten nur knapp 65 Mal. In der Saison zuvor waren es 4271 Einsätze, 2017/2018 sogar 5775. Es kamen in den Bergen zwar 47 Menschen ums Leben (2019/2020 waren es 25), doch die meisten Todesfälle hatten internistische Ursachen.
Dass es nicht zu mehr gefährlichen Unfällen in den Bergen gekommen ist, hängt auch mit der günstigen Schneelage zusammen: „Es gab in diesem Winter keinen tödlichen Lawinenunfall, das ist schon was bei dem starken Druck, dem heuer die bayerischen Alpen ausgesetzt waren, weil die Skitourengeher nicht ins benachbarte Österreich gehen konnten“, sagte Christoph Hummel vom Lawinenwarndienst Bayern. Auch hier hatte man vorher befürchtet, dass mehr passieren könnte.
Die Bergretter waren trotz der Befürchtungen vor der Saison gelassen geblieben. Das Szenario von massenhaft verletzten Skitourengehern habe ihnen keine Angst gemacht. Man ahnte schon, „dass sich die Zahl der Einsätze maximal verdoppeln kann“, sagte Klaus Schädler, Geschäftsführer der Bergwacht. „Das treibt uns keine Schweißperlen auf die Stirn.“ Und so kam es auch: Von 90 auf 189 Einsätze stieg die Zahl verletzter Tourengeher im vergangenen Winter. „Dieses Einsatzaufkommen war zu jeder Zeit von der Bergwacht beherrschbar, auch wenn die Einsätze ohne die Unterstützung von Bergbahnen einen zeitlich größeren Aufwand erforderten“, betonte Möslang. Leichte Kritik können sich die Bergwachtler an der öffentlichen Debatte nicht verkneifen: Man verstehe nicht, dass manche vor der Wintersaison derartige Ängste geschürt hätten.
Wenn die Zahl der Einsätze auch stark gesunken ist, waren es zum Teil deutlich aufwendigere Aktionen unter widrigsten Umständen. So war am 18. April in Oberstdorf eine Gruppe von vier Chinesen an der Enzianhütte in Not geraten, einer der Wanderer war über mehrere hundert Meter abgerutscht. Bis vier Uhr morgens dauerte der Einsatz bei heftigem Schneefall.
Mehrere Trends beobachtet die Bergwacht: Es gibt mehr Einsätze am Spätnachmittag und Abend sowie abseits von üblichen Wegverläufen. Und immer mehr Hilferufe von Menschen, die unbedarft in die Berge gehen und unverletzt aus einer Notlage gerettet werden müssen. 139 Mal wurden sie in diesem Winter zu solchen Einsätzen gerufen. „Diese Kurve steigt seit Jahren – auch im Sommer“, so Schädler.
Die Hilfsbedürftigkeit am Berg nehme zu, weil immer mehr Menschen oben am Berg seien, die dort nicht hingehörten. Das seien etwas 40 Prozent der unverletzt Geretteten. Aber klar sei: „Wir holen lieber einen Unverletzten aus dem Berg, als dass der weitergeht aus einem falschen Ehrgeiz und dann abstürzt.“