Als Unternehmenshistorikerin bei der BMW Group beschäftigt sich Dr. Annika Biss, 38, mit der umfangreichen Geschichte des Konzerns. Die Integration ausländischer Arbeitsmigranten ist aus dieser Geschichte nicht mehr wegzudenken. Schließlich trugen die Gastarbeiter wesentlich zum wirtschaftlichen Aufstieg von BMW und der Bundesrepublik Deutschland bei. Ein Gespräch über die Bedeutung der sogenannten Gastarbeiter für den Erfolg der Bayerischen Motoren Werke.
Frau Biss, BMW hat ab 1962 vermehrt Gastarbeiter eingestellt– etwas später als andere deutsche Unternehmen. Warum?
Mit dem „Wirtschaftswunder“ der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wurden immer mehr Arbeitskräfte gebraucht, die auf dem inländischen Markt nicht mehr zu finden waren. Aus diesem Grund schloss die Bundesrepublik eine Reihe von Abkommen zur Anwerbung sogenannter Gastarbeiter mit anderen Staaten ab. Einschneidend war für BMW die Unternehmenskrise von 1959, wo das Unternehmen vor einer Übernahme durch die Konkurrenz bewahrt wurde. Nach der Überwindung dieser schwierigen Zeiten und dank der Produktion markentypischer Mittelklasse-Modelle begann in den 1960er-Jahren dann eine Phase des schnellen Wachstums. So hat BMW etwas später als andere Unternehmen von dem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik profitiert – und dadurch auch erst etwas zeitversetzt begonnen, Gastarbeiter anzuwerben.
Kann man so den großen Anteil an Griechen unter den Gastarbeitern erklären?
Ja, das ist eine Erklärung, warum bei uns weniger Arbeitsmigranten aus Italien und Spanien, sondern vor allem aus Griechenland und der Türkei angeworben wurden, später auch aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Gastarbeiter der ersten Stunde waren zu diesem Zeitpunkt bereits in anderen Unternehmen beschäftigt. BMW hat hinsichtlich der Anwerbung von Arbeitskräften insbesondere mit Griechenland enge Kontakte gehalten. 1967 waren etwas mehr als die Hälfte der Gastarbeiter bei BMW Griechen.
Wie kam das bei der deutschen Belegschaft an?
1962 waren rund 1700 Arbeitsmigranten bei BMW beschäftigt. Damals hatten wir insgesamt nur rund 9200 Mitarbeiter. Der Anteil nahm in der Folge stetig zu und hat in manchen Bereichen im Werk etwa 50 Prozent ausgemacht. Am Anfang war schon eine gewisse Skepsis vorhanden. Die Gewerkschaften hatten dem Abkommen nur unter der Bedingung zugestimmt, dass ausländische und deutsche Arbeiter, was das Lohnniveau anbelangte, gleichgestellt waren.
Bis zu 50 Prozent Ausländer in der Belegschaft. Das bringt auch Probleme mit sich. Was hat BMW für die Integration getan?
Die Sprachbarriere war anfänglich eine der größten Herausforderungen. Man hat für manche Bereiche Dolmetscher eingestellt. Am Fließband haben dann die Gastarbeiter, die über Deutschkenntnisse verfügten, vermittelt. 1973 wurde in einem Wohnheim außerdem ein Gebetsraum eingerichtet. Wichtig war vor allem die im selben Jahr eingeführte sogenannte Lernstatt. Das war für damalige Verhältnisse ein revolutionäres Konzept. Solange man die Weiterbildung extern beließ, war die Abbruchquote insbesondere durch die Arbeitszeiten im Schichtbetrieb enorm hoch. Deshalb hat BMW selber spezielle Programme aufgesetzt und den Arbeitskräften in der Lernstatt die deutsche Sprache so vermittelt, wie sie im Arbeitsalltag vorkam. Die Lehrer waren Meister und Vorarbeiter.
Wo haben die Gastarbeiter damals gewohnt?
In Wohnheimen im Stadtgebiet, vor allem um das Werk herum. BMW hatte unter anderem noch Liegenschaften in Milbertshofen. Darüber hinaus mietete man mehrere Objekte an.
Zu Beginn hat man die Arbeitsmigranten noch nach ihrer Nationalität untergebracht. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen heute?
BMW hat relativ schnell die Gefahr einer drohenden Gettoisierung erkannt. Am Anfang war das noch der natürliche Lauf der Dinge, weil so die Arbeitsmigranten durch die Gemeinschaft auch ein Stück Heimat leben konnten. Zu Beginn der Anwerbung dachte ja niemand, dass die Arbeitskräfte dauerhaft bleiben würden. Viele verwarfen aber den Gedanken an eine baldige Rückkehr und bauten sich hier mit ihren Familien eine neue Existenz auf. 60 Jahre später arbeiten die Kinder der Gastarbeiter inzwischen in zweiter, sogar dritter Generation bei uns. So sind allein im Werk München heute Mitarbeiter aus rund 50 Nationen beschäftigt.
Wie können Sie sich diese enge Bindung an das Unternehmen erklären?
BMW fertigt hochemotionale Autos und Motorräder, denen man auf der Straße begegnet. Das Unternehmen sorgt seit Jahrzehnten gut für seine Mitarbeiter. BMW ist eine Familie mit starker Identität. Die Gastarbeiter sind schnell Teil dieser Identität geworden. Die Arbeitsmigranten waren zu Recht stolz, am deutschen Wirtschaftswunder mitgearbeitet zu haben. Man darf nicht vergessen, dass BMW 1971 nur etwa 23 000 Mitarbeiter hatte und zu diesem Zeitpunkt noch ein recht kleines Unternehmen war. Das hat dieses Wir-Gefühl noch weiter bestärkt.
Was bedeutet diese Zeit heute für BMW?
Ein unglaubliches Glück. Auf unsere Vielfalt im Werk München sind wir sehr stolz, gerade auch auf die gewachsenen Strukturen über Generationen hinweg. Die Arbeitsmigranten haben einen großen Anteil daran, wo wir heute stehen. Das Multikulturelle ist ein Grundstein dafür, dass die Bayerischen Motoren Werke weltweit so erfolgreich sind.
Interview: Julian Nett