Walchensee – Die Nase läuft, die Blase drückt. Dann landet das Taschentuch im Gebüsch. Papier verrottet ja. Stimmt, aber das kann bis zu fünf Jahre dauern. Und weder Apfelbutzen noch Bananenschalen schlagen sich als Hinterlassenschaften am Gipfel besser. „Wusstet ihr, dass sogar eine Banane dafür drei Jahre braucht?“, fragt Magdalena Kalus in ihre Handykamera.
Die 34-Jährige betreibt gemeinsam mit Anja Schneider den Instagram-Kanal „You are an Adventure Story“ (Du bist die Abenteuer-Geschichte). Über 66 000 Wanderbegeisterte lassen sich von den beiden mit Touren- und Ausrüstungstipps sowie Bildern vor atemberaubender Bergkulisse versorgen. Um jene bunte Welt dreht sich Kalus’ Ausflug heute aber nicht.
Sie steht unterhalb des Herzogstand-Gipfels auf einem Felsplateau, das nur wenige Quadratmeter groß ist. Es ist die Probe aufs Exempel: Wie vermüllt ist der beliebte Berg wirklich? Plastiksplitter, Taschentücher, Kronkorken, eine Bananenschale und viele Zigarettenstummel: Nach nur drei Minuten kann Kalus ein klares Ergebnis vorweisen. „Erschreckend: ja. Überraschend: nein“, lautet ihr Fazit, als sie auf den Müllhaufen blickt. Sogar zwei gefüllte Hundekot-Tütchen liegen da. „Das ist widerlich“, schimpft sie in die Kamera. In letzter Zeit ist es nicht das erste Mal, dass sie so deutlich wird. Eigentlich ist sie eine Frohnatur, doch diese Rücksichtslosigkeit bringt sie in Rage.
Kalus lebt am Walchensee. Mindestens fünfmal die Woche ist sie hier in der Natur unterwegs. Ob beim Joggen am Seeufer oder beim Wandern, der Müll sticht ihr überall ins Auge: Dosen, Einweggrills, Pizza-Kartons, Verpackungen – all das stammt von Ausflüglern und Wildcampern. Kalus verlässt das Haus inzwischen oft mit Mülltüten. Unterwegs packt sie den liegen gebliebenen Abfall ein.
Auch Daniel Weickel, Tourismus-Chef am Kochel- und Walchensee, greift beherzt zu, wenn er draußen unterwegs ist. Er scheut sich auch nicht davor, Menschen direkt anzusprechen und sie zu bitten, ihren Müll wieder mitzunehmen. Hat der 34-Jährige seine Kinder dabei, lässt er das inzwischen aber. „Da bekomme ich oft heftige Anfeindungen zu hören“, sagt er. „Einige stopfen mit dem Verpackungsmüll demonstrativ die öffentlichen Toiletten voll, weil es nur wenige Mülleimer am Seeufer gibt.“
Die Pandemie hat die kleinen Gemeinden in den Ausflugsregionen hart getroffen: Die Natur, die Einheimischen, die Behörden – alle ächzen unter dem Druck der Ausflüglermassen, die an die türkisgrünen Seen und auf die Berge pilgern. Dabei ist nicht nur der Müll ein großes Problem. „Instagram trägt seinen Teil dazu bei“, sagt Weickel. „Wer online schöne Bilder sieht, will selbst hin.“ Die Natur hat kaum Zeit, sich zu erholen. „Wanderer steigen oft nach Mitternacht ab“, sagt er. „Da steigen die ersten für den Sonnenaufgang auf.“ Das ist legal. Samt Schlafsack und Zelt oben zu nächtigen aber nicht.
In der Naturschutzzone am Ufer des Walchensees patrouillieren bereits zwei Ranger wegen der Müllsünder und Wildcamper. Auf Herzogstand und Jochberg noch nicht. „Es wäre aber nötig“, sagt Weickel, der immer wieder Lagerfeuer beobachtet. Selbst bei Waldbrandgefahr. Vielen Menschen fehle es an Rücksicht.
Mutwillig handelten voriges Jahr Kletterer am Jochberg: „Rund 200 Meter Latschen haben sie mit Motorsägen entfernt, um am Felsen mehr Platz zu haben“, sagt Weickel. Erst letztes Wochenende kam es wieder zu Vandalismus: Unbekannte kippten neun mobile Toiletten am Südufer um. Zwei zogen sie auf die Straße. Eine weitere warfen sie von einer Brücke in den Walchensee. Wasserwacht und Polizei wateten bei der Bergung durch Exkremente und Chemikalien.
Diese gezielte Umweltverschmutzung macht die studierte Tierärztin Kalus wütend. Auch Weickel sagt: „Lösungen für derartige Probleme lernt man auf der Tourismusschule nicht.“ Für mehr Aufklärung und Rücksicht soll nun die Initiative „Naturschutz beginnt bei Dir“ sorgen. Kalus ist nicht Werbegesicht, sondern Naturschutz-Botschafterin.
„Wir nehmen unheimlich viel von der Natur. Da schließe ich mich und meinen Beruf mit ein“, sagt sie. Um etwas zurückzugeben, brauche man keine Regenwaldbäume zu pflanzen, „Es geht einfacher: Wir können direkt vor der Haustür anfangen.“ Am Pfingstsonntag zog Kalus also zum ersten Mal zum Müllsammeln los. Zehn Kilogramm fand sie auf der beliebten Route Heimgarten-Herzogstand. Über Instagram rief sie zum Mitmachen auf.
Von den Isarauen bis Niedersachsen folgten Menschen dem virtuellen Aufruf und teilten ihren Erfolg unter dem Schlagwort „Naturschutz beginnt bei Dir“. Solche Aktionen will Kalus nun jeden Monat organisieren. Am 19. Juni will sie wieder losziehen. Wenn Corona es zulässt, will sie die Berge auch in Gruppen entmüllen. Ihre Hoffnung: Wer einmal mitgesammelt hat, lässt garantiert nicht mal mehr Bio-Müll liegen.