Die bayerisch-griechischen Motoren Werke

von Redaktion

VON JULIAN NETT

München – Mit Begeisterung begutachtet Nikolaos Theodossiadis alte Fotos aus dem BMW-Werk. „Hier“, ruft er plötzlich. „Das bin ich.“ Er deutet auf einen Mann, Anfang 40, der Zärtlichkeiten mit einer jungen Dame austauscht. Das Bild zeigt den heute 80-Jährigen in den frühen 1980ern bei dem bayerischen Automobilhersteller. Es war Besuchstag in der „Halle 140“, der Kurbelwellen-Fertigung. Und da ließ sich Ehefrau Maria nicht zwei Mal bitten. So kam es zu dem Kuss, der es sogar in die Zeitung schaffte.

Als Theodossiadis 1963 den Weg nach Deutschland antrat, war er noch alleine unterwegs. Der Tag seiner Abreise ist dem Griechen, der westlich von Thessaloniki aufwuchs, in guter Erinnerung geblieben. „Es war ein besonderer“, erzählt er. „Überall riefen die Zeitungsverkäufer, dass Kennedy ermordet wurde.“ Mit der „Kolokotronis“ schipperte Theodossiadis vom Hafen in Piräus nach Italien. Von dort aus zog es ihn zunächst nach Stuttgart. 1965 kam er dann nach München, wo er eine Anstellung in der Weberei Kuffner fand und seine heutige Frau kennenlernte. Ein Jahr später begannen beide innerhalb von einer Woche, bei BMW zu arbeiten.

Bis heute schwärmt Theodossiadis von seinem ehemaligen Arbeitgeber. Egal, wonach man ihn fragt: Nichts Negatives kommt über seine Lippen. „Es ist eine super Firma“, sagt er voller Überzeugung. Könnte er die Zeit zurückdrehen, würde er wieder dieselbe Wahl treffen.

Über die Jahre durchlief er zahlreiche Abteilungen. Er arbeitete in der Motorenfertigung, im Zahnradbau und war an der Produktion von Zylinderköpfen beteiligt. In jeder Abteilung traf er auf Kollegen verschiedenster Nationalitäten, vor allem Italiener und Jugoslawen. „Es wurde aber überall auch Griechisch gesprochen“, erzählt Nikolaos Theodossiadis.

Deutsch lernte er erst später. Bei Unterhaltungen mit Vorgesetzten war in der Regel ein Dolmetscher anwesend. Dieses Entgegenkommen schätzt er an BMW genauso wie die zahlreichen Sozialleistungen und die Familienfreundlichkeit. Bis heute erhält er eine monatliche Betriebsrente. Und als die Familie Theodossiadis in den 1960er-Jahren zu wachsen begann, plante der Abteilungsleiter die Dienstpläne der Eheleute so, dass immer einer bei den Kindern sein konnte. So kam es, dass Nikos seine Maria an den meisten Tagen nur beim Schichtwechsel sah.

Die Familie, das betont Theodossiadis, stand bei ihm immer an erster Stelle. Das jüngste seiner drei Kinder, Kostas, 37, arbeitet inzwischen ebenfalls bei dem Münchner Automobilkonzern. Jedoch nicht wie seine Eltern damals in der Fertigung, sondern im Forschungs- und Innovationszentrum. „Er wollte auch zu BMW“, erzählt sein Vater stolz. Im Alter von 60 Jahren ging Nikolaos Theodossiadis in Rente, drei Jahre später folgte seine Frau Maria. Viele Gastarbeiter, so nannte man sie damals, kehrten für den Ruhestand zurück in ihr Heimatland. Für ihn kam das nie infrage. Er fühle sich als Münchner, sagt er, ebenfalls voller Überzeugung. Seine erwachsenen Kinder und seine Enkelkinder leben hier. Mit der Stadt und seinem ehemaligen Arbeitgeber fühlt er sich verbunden. Seit 18 Jahren fährt er einen 3er BMW. „Ein schönes Auto“, sagt er.

Für Georgios Chantavaridis ist BMW noch Gegenwart. Der 50-Jährige ist Betriebsrat am Standort München. Die enge Beziehung, die er zu seinem Arbeitgeber pflegt, wurde ihm in gewisser Weise in die Wiege gelegt. Als Mama Maria, griechische Gastarbeiterin der ersten Generation, 1970 mit Georgios schwanger war, arbeitete sie in der Montageabteilung von BMW an neuen Fahrzeugteilen. „Diese Bindung ist bis heute geblieben“, erzählt Georgios Chantavaridis und lacht.

Der Münchner Automobilkonzern war von Beginn an ein fester Bestandteil seines Leben. „Für mich war von klein auf alles immer BMW“, sagt er. „Wir haben damals in der Riesenfeldstraße gewohnt, direkt gegenüber vom Werk. Die Familien dort haben alle bei BMW gearbeitet“, erinnert sich der heutige Betriebsrat. „Wenn man sich auf der Straße oder beim Einkaufen getroffen hat, wurde immer über BMW gesprochen.“

Eigentlich hatte der junge Georgios anderes vor. Er träumte von einer Karriere als Fußballprofi in Griechenland. 1993, als der Versuch gescheitert war, eiferte Chantavaridis seiner Mutter nach und begann in der Montageabteilung. Zunächst arbeiteten Mutter und Sohn sogar gemeinsam dort. „Meine Mutter war damals in ihrem Bereich die Älteste. Immer, wenn jemand ein Problem hatte oder einfach jemanden zum Reden gebraucht hat, ist er zu ihr gegangen. Es war, als wären sie ihre Kinder“, erzählt er. „Man nannte sie auch Mutter Maria. Alle haben zu mir immer nur gesagt: ‚Das ist der Sohn von der Maria‘.“

Als sich Maria Chantavaridis 2006 in den Ruhestand verabschiedete, kehrte sie zurück nach Griechenland. Um ihre Familie zu sehen, kommt sie immer noch regelmäßig nach München. Nicht selten sind diese Besuche hochemotional. „Wenn wir mit dem Auto an der Detmoldstraße und beim Werk vorbeifahren, dann kommen ihr die Tränen“, berichtet Sohn Georgios. „Sie ist immer mit Freude in die Arbeit gegangen und hat mir gesagt: Wenn BMW nicht wäre, hätten wir nicht das, was wir heute haben.“ Georgios Chantavaridis blieb noch zehn Jahre in der Montage, bevor 2016 auch für ihn ein neues Kapitel begann. Als Betriebsrat wechselte er aus dem Werk ins Forschungs- und Innovationszentrum, wo er bis heute tätig ist.

Die Wirtschaftskrise in ihrer Heimat brachte 2010 erneut viele junge Griechen nach Deutschland und zu BMW. „Sie haben mir erzählt, dass es anfangs schwer für sie war“, sagt Chantavaridis. Als Betriebsrat steht er unterstützend zur Seite. So wie damals seine Mutter Maria. „Die Leute kommen jetzt zu mir, wenn sie Probleme haben.“

Das Helfersyndrom liegt in der Familie. Nicht auszuschließen, dass die Familie Chantavaridis auch in dritter Generation für die Kollegen da sein wird. Beide Kinder von Georgios haben ihre Schülerpraktika bei BMW absolviert. „Jetzt wollen sie dahin“, erzählt Georgios Chantavaridis. „Die Oma hat immer Geschichten erzählt, ich natürlich auch. Und wer will nicht bei BMW arbeiten? Es ist ein toller Arbeitgeber.“

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