Revolutionäre im Priesterrock

von Redaktion

Von Döllinger bis Bilgri: die kleine Kirche der Altkatholiken

Dass es neben der großen katholischen Kirche auch eine kleine altkatholische Kirche gibt, ist wenig bekannt. Doch zuletzt wurde es etwas lauter um die Altkatholiken – und das liegt an einem spektakulären Schritt, den der ehemalige Abt des Klosters Andechs, Anselm Bilgri, im vergangenen Dezember vollzog. Demonstrativ trat er aus der katholischen Kirche aus – und wechselte zu den Altkatholiken. „Alt hört sich veraltet an, dabei ist es in diesem Fall genau das Gegenteil“, sagte er in einem auf seiner Internetseite veröffentlichten Interview.

Gemeint ist: Bei den Altkatholiken, die in Bayern nach eigenen Angaben 650 Mitglieder haben mit Gemeinden in München, Rosenheim, Bad Tölz und Passau, ist manches erlaubt, über das die katholischen Brüder von nebenan nur diskutieren. Frauen im Priesteramt etwa. Verheiratete Priester. Oder offene Kritik am Papst, dessen Unfehlbarkeit die Altkatholiken ausdrücklich nicht anerkennen. Urvater von all dem ist ein Theologe, der im 19. Jahrhundert wohl der berühmteste und einflussreichste seiner Zeit war: Ignaz von Döllinger (1799-1890). Geboren 1799 in Bamberg als Sohn eines berühmten Embryologen, geriet Döllinger selbst zu einem Wunderkind. Schon als Zehnjähriger soll er Corneille und Molière gelesen und in seiner Jugend schon sechs Fremdsprachen beherrscht haben. So kam er nach seiner Priesterweihe 1822 schnell zu akademischen Meriten. 1826 berief ihn König Ludwig I. als Professor an die neu eröffnete Uni München.

Fast ein halbes Jahrhundert bildete er hier den theologischen Nachwuchs aus. Zu seinen Schülern zählten prägende Gestalten wie Wilhelm von Ketteler und Adolph Kolping. Sein politischer Ziehvater war der Führer der romtreuen Bewegung in Deutschland, der ehemalige Jakobiner Joseph von Görres. Von ihm lernte er vor allem das Vorpreschen in kirchenpolitisch heiklen Fragen. Die Bischöfe des Vormärz hielt Döllinger für lau und staatsfromm. Anders er: Weil er die Affäre seines Förderers Ludwig I. mit der Tänzerin Lola Montez verurteilte, wurde er 1847 für zwei Jahre strafversetzt.

Döllinger wirkte, modern gesprochen, als politischer Theologe. An der Gründung des Bonifatiusvereins, am Aufkommen der katholischen Presse und des katholischen Vereinswesens war er führend beteiligt. Als Abgeordneter der Paulskirche hielt er 1848 eine programmatische Rede für die Freiheit der Kirche von staatlichen Eingriffen. In Rom läuteten die Alarmglocken. Nuntius Carlo Sacconi meldete, Döllinger wolle den „Geist der Neuerungen, Demokratie und allgemeinen Revolutionen“ infiltrieren. Döllinger beobachtete besorgt, wie sich die Kirchenoberen den geistigen Strömungen der Epoche verschlossen. Pius IX. (1846-1878) erschwerte etwa mit der Verurteilung aller abweichenden Meinungen im „Syllabus errorum“ 1864 den Dialog mit kritischeren Kirchenkreisen. Die Amtszeit Pius IX. gipfelte im Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70 und dessen Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit.

Das war Döllinger zu viel. Von München aus sandte er giftige Kommentare gegen die Unfehlbarkeitslehre, die er unter Pseudonym in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte. Am 17. April 1871 wurde er daraufhin von seinem eigenen Schüler, dem Münchner Erzbischof Gregor von Scherr, exkommuniziert. „Gestern noch rechtgläubig, war ich heute ein des Bannes würdiger Ketzer; nicht weil ich meine Lehre geändert hatte, sondern weil andere für gut gefunden hatten, die Änderung vorzunehmen und Meinungen zu Glaubensartikeln zu machen“, schrieb er später.

Bilgri sieht viel gemeinsames mit den Katholiken: Sakramente, Liturgie, die Verehrung von Maria und den Heiligen. Auch der Papst werde als „Patriarch des Abendlandes“ respektiert. „Aber er kann nicht in die altkatholische Kirche hineinregieren.“ A. BRÜGGEMANN/D. WALTER

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