Interview: „Es ist besser, wenn wir die Natur Natur sein lassen“

von Redaktion

Der Bayerische Wald liefert apokalyptische Bilder: Auf einer Bergtour vom Rachel zum Lusen erwartet die Wanderer eine Totholzwüste. Der Borkenkäfer hat hier flächendeckend die Fichten zerstört. Das Meer an Totholz geht auf eine Entscheidung von 1983 zurück. Nach einem schweren Sturm entschied Bayerns Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann, das Holz liegen zu lassen. Der Mensch solle nicht mehr in den Park eingreifen. Hans Bibelriether war fast 30 Jahre Leiter des Nationalparks. Der 88-Jährige ist überzeugt: Es ist der richtige Weg, den Bayerischen Wald sich selbst zu überlassen. Denn zwischen den toten Baumgerippen wächst ein neuer Wald.

Ihre Formel „Natur Natur sein lassen“ hat Geschichte geschrieben. Wie kam es zu diesem Sonderweg für den Bayerischen Wald?

Im Sommer 1983 gab es einen gewaltigen Sturm. Hans Eisenmann konnte an der tschechischen Grenze beobachten, dass der naturnahe Wald hinter dem Eisernen Vorhang den Sturm besser verkraftet hat. Das hat ihn beeindruckt. Im Försterforst auf der deutschen Seite hat der Gewittersturm auf 90 Hektar Fläche rund 30 000 Festmeter Holz zu Boden gerissen. Dank der Entscheidung von Eisenmann erleben wir heute eine Natur im Bayerischen Wald, die sich unabhängig entwickelt.

Ist die Entscheidung immer noch richtig?

Für einen Wirtschaftswald mag es sinnvoll sein, dass der Mensch eingreift. Aber ob diese Maßnahmen in 50 oder 100 Jahren zu einem stabileren Wald führen, weiß heute niemand. Wir brauchen das Gegenmodell vom Bayerischen Wald. Dort können alle sehen, welcher Wald entsteht, wenn er natürlich wachsen darf.

Im Nationalpark hat der Borkenkäfer flächendeckend die Fichten vernichtet.

Man muss verstehen: Das Absterben von Bäumen ist normal. In großen Gebieten hat die Fichte keine Zukunft mehr. Auf Grund des Klimawandels ist es schlicht zu trocken. Wenn wir die toten Bäume umschneiden und herausholen, zerstören wir den jungen Wald, der von unten nachwächst.

Macht es Sinn, fremde Bäume zu pflanzen, die mit dem Klimawandel besser klarkommen?

Ich habe Wälder in allen Kontinenten gesehen: im Amazonas, in Australien, in Alaska und in Südamerika. Ich bin überzeugt: Es ist besser, wenn wir die Natur Natur sein lassen.

Müssen wir uns Sorgen um unseren Wald machen?

Im Bayerischen Wald treffen uns die Folgen der Klimaerwärmung noch nicht mit voller Wucht. In regenarmen Gebieten frage ich mich: Was kann dort überhaupt noch wachsen? In Italien oder Spanien wächst gebietsweise bereits kein Wald mehr. Es ist leider immer noch so, dass über den Klimawandel nur gesprochen wird. Konsequenzen werden noch immer nicht gezogen. Interview: Christoph Seidl

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