Streng geregelter Hüttenzauber

von Redaktion

VON CORNELIA SCHRAMM

Kreuth – Ein paar Nägel, Bretter und Zangen liegen noch herum. Michel Ludwig, Wirt der Tegernseer Hütte (Kreis Miesbach), kann es kaum fassen. Er steht in einem der beiden Schlaflager unter dem Dach und streicht über die neue Holzdecke. „Es fehlt nur noch der Feinschliff. Das Gröbste ist geschafft“, sagt er. Ein Jahr Baustelle liegt hinter ihm und seiner Frau Sylvia. Wo vergangene Saison Handwerker sägten und hämmerten, sollen ab kommendem Wochenende wieder Wanderer ihre Schlafsäcke ausrollen und übernachten. Endlich.

Wie genau die Ludwigs die Schlaflager im „Adlerhorst“, der exponiert auf 1650 Meter auf dem Grat zwischen Roß- und Buchstein liegt, belegen dürfen, stellt sich aber noch heraus. „Es gibt neue Regeln für Hotellerie und Beherbergungsbetriebe. Ob die Lockerungen aber auch für Matratzenlager gelten, wissen wir noch nicht“, sagt Michel Ludwig. Wie viele andere Hüttenwirte in Bayern stellt er sich auf eine schwierige Saison ein. Zumindest, was Übernachtungen betrifft. Dass noch diese Woche eine Entscheidung fällt, hofft er sehr. Im Moment muss er noch alle Anrufer vertrösten.

Bis dato galt: Unterschiedliche Haushalte dürfen in den Schlafräumen nicht gemischt werden. Buchen Singles oder kleine Familien eine Übernachtung, ist die Kapazität eines ganzen Bettenlagers erschöpft. Für Wirte wie die Ludwigs ein großes Problem: „Schlimmstenfalls können wir hier nur drei von insgesamt 23 Betten vergeben.“

Hinzu kommt, dass der groß angelegte Umbau der beliebten Hütte des Alpenvereins Tegernsee ohnehin an den Kapazitäten genagt hat: Bis 2019 konnten hier noch 38 Personen übernachten. Jetzt gibt es noch zwei Bettenlager mit zehn und elf Plätzen und eines mit zwei Plätzen. Das Dach musste angehoben werden, um Brandschutzauflagen zu erfüllen und Raum für zwei neue Notausgänge zu schaffen.

„Das Umbauen war spektakulär“, erzählt Michel Ludwig. Am Buchstein brüten im Sommer Raufußhühner, deshalb herrscht Flugverbot für Helikopter. Wie bekommt man aber ohne die kubikmeterweise Holz, ein Baugerüst und Maschinen auf 1650 Meter gehievt? „Die Arbeiter kamen zu Fuß. Sonst mussten wir alles mit der Lastengondel, mit der wir sonst nur Essen und Getränke hochfahren, befördern. Die längsten Teile waren 6,50 Meter lang.“

Die Mammutaufgabe gelang. Der Umbau verschlang 314 000 Euro. Bis auf Kleinigkeiten ist jetzt alles fertig. Wer die Hütte betritt, riecht das frische Holz und die Farbe. Die Decke der Schlaflager wurde angehoben. Dachfenster lassen mehr Licht herein. An der Ostseite gelangen Gäste nun über eine Gaube zu einem Fluchtsteg. Die Westseite bekam einen Giebel, der durch das helle Holz schon von Weitem erkennbar ist. 30 Rauchmelder und Brandschutztüren sorgen für mehr Sicherheit. Immerhin brannte die Hütte in den 1960er-Jahren durch einen Blitzeinschlag schon einmal ab.

2020 konnten die Ludwigs wegen der Baustelle nur die Terrasse bewirtschaften. Dazu kam die Pandemie. „Auch wenn es nicht einfach war, die Corona-Regeln auf so engem Raum umzusetzen: Es war ein guter Bergsommer“, so Michel Ludwig. Sein Team ist auch für diese Saison eingespielt. Selbst wenn wieder 60 Personen am Grat darauf warten sollten, einen der Tische auf der kleinen Terrasse zu ergattern. Nachdem die Ludwigs die Hütte einen Monat später als sonst aus dem Winterschlaf geholt hatten, lief der Betrieb an Fronleichnam wieder an. Impfpässe und Testergebnisse kontrollieren. Bier, Eintopf und Rotweinkuchen servieren. Nach sieben Monaten genoss es Sylvia Ludwig trotz großen Andrangs, sich wieder um ihre Gäste zu kümmern. „Man kann es mit seinem Arbeitsplatz schlechter treffen“, sagt sie und blickt gen Karwendel. „So lange ich hochlaufen kann, will ich weitermachen.“ Es ist der 28. Sommer der Ludwigs auf der Tegernseer Hütte.

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