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Lösegeld für eine Madonna

von Redaktion

VON BEZIRKSHEIMATPFLEGER NORBERT GÖTTLER

Im Mittelalter oder im Barock tat man sich da leichter. Da brachen Madonnen noch in Tränen aus, wenn man sie stehlen wollte, liefen schwarz an oder stießen den entsetzten Kirchenräuber mit Blitz und Donner den Hochaltar hinab. Ein theologisches Sicherungsprogramm quasi. Seit diese Selbstschutzmechanismen auch unter Madonnen außer Mode geraten sind, sind sie einer erhöhten Gefahr ausgeliefert, als Opfer einer Auftragsarbeit in der Bar eines Milliardärs oder im Schlafzimmer eines Mafiosi zu landen.  Einer der spektakulärsten Madonnendiebstähle der deutschen Nachkriegsgeschichte geschah in der Nacht des 7. August 1962. Zwei Einbrechern war es gelungen, über ein Fenster in die Wallfahrtskirche „Maria im Weingarten“ bei Volkach einzudringen und die als wundertätig verehrte Riemenschneider-Madonna aus ihrer Verankerung zu brechen. Dabei fügten sie dem Kunstwerk nicht unerheblichen Schaden zu.  Der Fall schien unlösbar, da schaltete sich der ansonsten unsentimentale Herausgeber der Zeitschrift „Stern“, Henri Nannen, ein. Er hatte als Kunststudent die Riemenschneider-Skulptur kennen- und lieben gelernt. Zusammen mit Herausgeber Gerd Bucerius setzte er die damals gewaltige Summe von 100 000 D-Mark als Lösegeld aus. Der Aufruf wurde in allen Tageszeitungen, sogar in der internationalen Presse veröffentlicht und führte schließlich zum Erfolg.  Am 25. Oktober meldete sich ein anonymer Anrufer und zeigte solche Detailkenntnisse, dass er als Verhandlungspartner akzeptiert wurde. Nach und nach wurden in Hamburg und Nürnberg Teile der Madonna gegen Teilsummen des Lösegeldes ausgetauscht. Nach Beseitigung der Schäden wurde die Madonna am 6. August 1963 in einer Prozession wieder an ihren alten Standort verbracht.  Da die Täter auch nach Erhalt des Lösegeldes nicht von ihrem unheiligen Treiben ablassen konnten, ja sogar Banken überfielen und dabei vor einem Raubmord nicht zurückschreckten, wurden sie im Jahr 1967 verhaftet und am 20. März 1968 zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.  Seit dieser Zeit ist technisch viel passiert. Die Madonnen wurden landauf, landab verkabelt und verkettet, hinter Panzerglas gesperrt und mit Lichtschranken in dieselben gewiesen. Auch auf rasante Fahrstuhlfahrten, wie etwa im Kloster Ettal, müssen sie sich gefasst machen. Dort befördert eine hydraulische Vorrichtung das marmorne Gnadenbild in einen unterirdischen Tresor, wenn die letzten Gläubigen die Basilika verlassen haben. Von ihrer Himmelfahrt ja einiges gewöhnt, lässt die Madonna die Prozedur mild lächelnd über sich ergehen, wie man hört.

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