München – Der 8. Mai hat Spuren hinterlassen bei Artur Auernhammer. An diesem Tag wurde der Landwirt und agrarpolitische Sprecher der CSU-Bundestagsfraktion in seinem Wahlkreis Ansbach erneut als Bundestagskandidat nominiert. Nicht weit entfernt demonstrierten währenddessen mehr als 100 Landwirte, die Auernhammer eine Diffamierung ihres Berufsstandes vorwarfen. „Ich wollte mich der Diskussion stellen“, sagt Auernhammer heute. Doch als die Stimmung immer aggressiver geworden sei, habe er das Gespräch abgebrochen. „Diskussionsbereitschaft sieht anders aus“, kritisiert Auernhammer.
Zu der Demo aufgerufen hatten Mitglieder der Protestbewegung „Land schafft Verbindung (LsV)“ und deren bayerischem Ableger „Landwirtschaft verbindet Bayern“. Im Herbst 2019 sorgte diese Graswurzel-Bewegung von Landwirten bundesweit für Schlagzeilen. Die Traktoren rollten zum Münchner Odeonsplatz, zur CSU-Klausur in Seeon oder nach Berlin. Die LsV-Vertreter fanden plötzlich Gehör in der Politik. Sie saßen am Runden Tisch nach dem Bienen-Volksbegehren und bei Merkels Agrargipfel im Kanzleramt. Selbst der mächtige Bauernverband staunte, wie aus den über die sozialen Medien organisierten Protesten über Nacht ein neuer agrarpolitischer Akteur erwuchs.
Doch seitdem ist viel passiert. Die Pandemie hat die Teilnehmerzahlen bei Mahnwachen und Traktor-Demos schrumpfen lassen. Und wegen interner Querelen und Kursdebatten haben sich mehrere Untergruppen von der Ursprungsbewegung abgespalten oder ehemalige Mitstreiter im Groll der Bewegung den Rücken gekehrt. Vergangene Woche erklärten vier Landesgruppierungen ihren Rückzug aus dem als Verein geführten Dachverband. Da ist von Denunzierung einzelner Mitglieder und von fehlender Abgrenzung gegenüber zweifelhaften politischen Symbolen die Rede. Gemeint ist die Flagge der nationalistischen und antisemitischen Landvolkbewegung aus den 1930er-Jahren, die vereinzelt bei Versammlungen geschwenkt wurde. So offenbar auch bei einem Protestzug in Berlin – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag.
Artur Auernhammer kritisierte das in einer Rede im Bundestag. Von solchen Demonstrationen wolle er sich klipp und klar distanzieren, sagte er. Danach warfen ihm Landwirte aus den Reihen von LsV Verrat und Spaltung vor. Auernhammer sagt, der Urgedanke der Bauernproteste habe ihn bewegt. Doch mittlerweile werde deutlich, dass einige Anhänger von LsV die gesellschaftspolitische Entwicklung im Land nicht sehen.
Andreas Bertele, Landwirt aus dem Kreis Dachau und Sprecher von „Landwirtschaft verbindet Bayern“ in Oberbayern, sagt, viele Landwirte hätten sich von Auernhammer eine Entschuldigung erhofft. Bei der Demo sei es darum gegangen, ihn zur Rede zu stellen, aber nicht bloßzustellen. Die bayerischen Vertreter hätten ihre Kritik sachlich vorgebracht. „Aber als andere zu Wort kamen, ist es aus dem Ruder gelaufen.“ Bertele ist genervt von den internen Querelen der Bewegung. Der bayerische Ableger gehört nicht zu den Landesgruppen, die sich vom Dachverband distanziert haben. Berteles Erklärung für die Streitereien: „Die Landwirte hocken wie auf heißen Kohlen. Viele haben Angst, dass ihnen die Zeit für ihren Betrieb davonläuft, wenn sich nichts ändert.“ Aus Verzweiflung koche der ein oder andere sein eigenes Süppchen, um schnelle Lösungen zu erzwingen.
Waren die protestierenden Landwirte im Herbst 2019 noch geeint in der Frage, was alles falsch läuft – Düngeverordnung, Abhängigkeit vom Handel, fehlende Wertschätzung –, so spaltet sie nun die Suche nach Lösungen. „Die Probleme sind bei Betrieben mit viel Fläche im Norden eben ganz andere als bei uns in Bayern“, sagt Bertele.
Von diesen Interessenkonflikten kann auch der Bauernverband ein Lied singen. Dort wurde Ralf Huber kürzlich zum neuen Oberbayern-Chef gewählt. Der Bio-Bauer aus dem Kreis Freising steht der Protestbewegung nahe und hat sich immer wieder den Demos angeschlossen. Die wachsenden Konflikte bei LsV beobachtet er mit Sorge. „Diese Aggressivität gegenüber Einzelnen gefällt mir nicht“, sagt er. Die Bewegung habe zu Beginn viel erreicht. Aber wenn die Sachthemen vernachlässigt werden, „dann gehen die Erfolge vor die Hunde“.