Umstrittene Camping-Aktion gestoppt

von Redaktion

VON D. STALLEIN/D. GÖTTLER

München – Die Bergsteigerjugend sucht das Abenteuer. Unter dem Slogan „#SchlafDraußen“ wollte die Jugendorganisation des Deutschen Alpenvereins (JDAV) zum Wochenende eine Mitmachaktion starten, in der sie zur Übernachtung unter freiem Himmel aufruft. „Denn egal, ob mit oder ohne Zelt, ob am Berg, am See oder am heimischen Balkon, ob allein oder mit Freunden: Draußen schlafen ist nicht schwer und verspricht unvergessliche Erlebnisse in der Natur“, hieß es. Fotos von ihren Naturabenteuern sollten die Teilnehmer im Netz hochladen, ein Outdoor-Ausrüster lobte für die besten Bilder eine Biwakausrüstung aus.

Doch der Zeitpunkt für den Aufruf ist heikel. Viele Regionen in den Alpen klagen seit den Corona-bedingten Reisebeschränkungen mehr denn je über den wachsenden Ausflugsdruck, renitente Wildcamper und die Belastungen durch unbedarfte Wanderer in der Natur.

Beispiele gibt es genug. Den Schrecksee im Allgäu etwa, an dem Polizei und Naturschutzwächter regelmäßig Wildcamper aus dem Naturschutzgebiet vertreiben. Auch im Nationalpark Berchtesgaden haben die Ranger mit Wildcampern und Biwakierern alle Hände voll zu tun. „Die Verstöße nehmen stetig zu, gerade jetzt wegen dem schönen Wetter“, sagt Nationalparksprecherin Carolin Scheiter. Im vergangenen Sommer hätten die Ranger leider viele Camper und Biwakierer anzeigen müssen. „Das ist kein Spaß, für beide Seiten nicht.“ Sie appelliert dringend daran, sich an die Regeln zu halten – gerade jetzt, wo viele Tiere ihren Nachwuchs großziehen.

Die JDAV wies ausdrücklich darauf hin, sich so zu verhalten, dass die Natur nicht darunter leidet. „Das heißt zum Beispiel, keinen Müll zu hinterlassen und sensible Bereiche der Natur zu meiden“, sagte Andrea Scheu von der JDAV zum Start der deutschlandweiten Aktion. Die solle „nur am Orten stattfinden, wo es auch erlaubt ist“.

In den bayerischen Alpen sind solche Übernachtungsstellen abseits der Campingplätze aber rar. In sensiblen Regionen wie Nationalparks, Naturschutzgebieten, Biotopen oder Wildschutzgebieten ist das Übernachten weder im Zelt noch im Schlafsack erlaubt. In Landschaftsschutzgebieten braucht es in der Regel eine Erlaubnis des Landratsamtes. Und auch sonst ist immer die Zustimmung des Grundstückseigentümers vor der Übernachtung einzuholen, heißt es aus dem Umweltministerium. Spontan zur Wanderung aufbrechen und die Nacht im „1000-Sterne-Hotel“ der Wildnis verbringen, ist in den bayerischen Alpen somit kaum möglich.

Rudi Erlacher vom Verein zum Schutz der Bergwelt und früher Vize-Präsident beim DAV, hält die Aktion für unglücklich. „Die Faszination für die Natur ist absolut nachvollziehbar.“ Aber er rate dringend davon ab, in den Bergen zu übernachten. Es gebe dabei viele nicht bedachte negative Effekte für die Natur. Beim Verein zum Schutz der Bergwelt und dem Dachverband CIPRA werde bereits darüber diskutiert, ob man mit immer neuen, bildgewaltigen Aufklärungskampagnen die Menschen nicht sogar dazu ermutige, Geheimtipps unberührter Bergnatur zu Hotspots zu machen. „Mit diesem Aufklärungsparadox müssen wir uns beschäftigen“, sagt Erlacher. Die Aktion der JDAV sei ein Beispiel dafür, dass eine gut gemeinte Anregung samt Aufklärung falsch ankommen könne.

Gestern Abend dann, einen Tag nach der Ankündigung für die Mitmach-Aktion, zogen die Initiatoren nach sehr kontroverser Resonanz auch innerhalb des Verbands die Reißleine und stoppten die Aktion. Der Grund laut Alpenvereinssprecher Thomas Bucher: „In der aktuellen Stimmung, die von Diskussionen rund um Overtourism in den Alpen geprägt ist, kommen die eigentlichen Inhalte der Aktion zu kurz – nämlich zu rücksichtsvollem Verhalten in der Natur anzuregen.“ Das Abenteuer muss also warten.

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