Wer hätte gedacht, dass uns doch noch ein Sommermärchen vergönnt ist? Noch vor Monaten war es eine eher vage Hoffnung. Um es mit Mark Twain zu sagen: „Ich habe in meinem Leben schon unzählige Katastrophen durchlebt – die wenigsten sind eingetroffen.“ Früher als erwartet, erhielten wir unsere Freiheit zurück. Nicht ganz. Die Maske ist immer zum Einsatz bereit, ein bisschen Distanz statt Umarmungen und Busserl zur Begrüßung. Aber wir können unsere Freunde wieder mit offenen Armen empfangen. Verzicht hat unsere Genussfähigkeit gesteigert. Vieles, was früher selbstverständlich war, fühlt sich ganz neu an. Schon lange hat ein Radler im Biergarten nicht mehr so gut geschmeckt, das Eis im Straßencafé – fast ein kleines Erlebnis.
Wir haben uns verändert, haben erfahren, dass ein Miteinander, ein Gefühl von Verbundenheit wichtiger ist als grenzenlose Freiheit. Die Leichtigkeit des Seins, mehr als nur Lifestyle, sondern bewusst erlebte Wertschätzung. Und wir sehen die Schönheit vor unserer Haustür mit anderen Augen. Wir haben gemerkt, dass wir verletzlich sind – Sommer 2021, ein Geschenk! „Lebe Ihn so, dass er dich auch im Winter noch wärmt“, steht auf dem Kalenderblatt in meiner Küche.
Aufstehen, wenn die Sonne erste Lichtpünktchen an die Wände zaubert, nie ist die Luft frischer als beim Frühstück auf der Terrasse, statt Radio Vogelgezwitscher. Auf dem Tisch eine Sonnenblume als Symbol der Freude und des Lichts. Eine Kirsche vom Baum pflücken, Erdbeermarmelade abfüllen, um das Glücksgefühl schon einmal für trübere Tage zu konservieren. Abends noch ein Glas Wein trinken und sich über das Lachen der Nachbarn freuen, das durch weit geöffnete Fenster dringt.
Auch das kulturelle Leben, das wir schmerzlich vermissten, ist zurück. Ich kann nur sagen: Wer nicht in München bleibt, ist selbst schuld. Tanz an der Isar, Theateraufführungen unter freiem Himmel, zum Beispiel im Biergarten Siebenbrunn. Mutig, was sich Thomas Pekny, Intendant der Komödie, mit seiner Komödie „Das Blaue vom Himmel“ einfallen ließ: Man wartet den Wetterbericht ab, entscheidet um 14 Uhr, ob man im Freien spielt oder wieder in den Bayerischen Hof umzieht. Kleine Irrtümer nicht ausgeschlossen – der Wettergott macht, was er will. Alle unter einer dünnen Regenhaut, die Tropfen purzeln übers Gesicht, während sich Schauspieler die Seele aus dem Leib spielen – auch das ist äußerst vergnüglich.
Ganz anderes bei der Premiere von „La Boheme“ in Immling, hier hat das Publikum ein festes Dach über dem Kopf. Ob einen Ausflug in den Festspielort im schönen Chiemgau oder Shakes-peares „Sommernachtstraum“ vor Schloss Nymphenburg genießen: Wir haben uns danach gesehnt.
Auch die Kinder mussten auf vieles verzichten, sie waren die Verlierer in der Pandemie. Sie haben ihre Freunde vermisst, das Herumtollen an der frischen Luft. Wunderbar, dass es jetzt wieder Ferienprogramme gibt. Beim Bund der „Pfadfinder Bayern“ freut man sich über viele Anmeldungen, vor allem darüber, dass sich wieder mehr Eltern für jene Bewegung interessieren, die 1907 von Lord Robert Baden-Powell ins Leben gerufen wurde: „Look at the boy, look at the girl!“. In Zelten lagern, auf Fahrten in und mit der Natur leben, vor allem nach einem Kodex leben. Ritterlich und ehrlich handeln, anderen Menschen Freund sein, Schwache unterstützen.
Bis heute haben etwa 300 Millionen Menschen der Pfadfinderbewegung angehört. Die Jüngsten sind die Wölflinge, wahrscheinlich alle mit dem Ziel, irgendwann Ranger oder Rover zu werden. Das große Pfadfinder-Ehrenwort – vielleicht hat es heute mehr Bedeutung denn je. „Versucht, die Welt ein bisschen besser zu machen, als ihr sie vorgefunden habt“, das Credo: „Jeden Tag eine gute Tat!“
Nein, verstaubt hört sich das gar nicht an, sondern ganz aktuell. Berührend der Spruch auf Baden-Powells Grabstein: „Ich habe meine Aufgabe erfüllt und bin nach Hause gegangen.“
In diesem Sinn –
herzlich
Ihre Carolin