Schnuppern und gleichzeitig helfen

von Redaktion

VON CORNELIA SCHRAMM

Dachau – Eine Unterkunftsfahrt steht an. Es ist Josefine Walters liebste Tätigkeit. Mit einer Kollegin fährt die 19-Jährige, die ihren Bundesfreiwilligendienst im Caritas Zentrum Dachau absolviert, in eine Asylunterkunft. „Es hilft einem zu sehen, wie die Menschen, die wir betreuen, leben – in Containern oder einer alten Kaserne“, sagt sie. „So kann man ihre Probleme besser nachvollziehen.“ Die Geflüchteten, denen sie im Fachdienst Asyl und Migration hilft, sind nicht in Deutschland aufgewachsen. Bürokratie ist ihnen fremd. Die Sprache eine zusätzliche Barriere. Mahnungen per Brief oder das Vereinbaren eines Arzttermines werden schnell zur Herausforderung.

Wenn Lösungen für diese Probleme auf den Weg gebracht sind, steht ein Gespräch mit dem Helferkreis an. Bewohner, die sich aus der Gemeinschaft zurückziehen und depressiv zu sein scheinen, will der Fachdienst früh auffangen. Die 19-Jährige klopft an der Zimmertür der Betroffenen und lädt sie zur Sprechstunde ein. Auch bei einem Streit konnte sie schon erfolgreich vermitteln.

Nach zehn Monaten Bundesfreiwilligendienst ist Josefine Walter stolz und fühlt sich schon ein ganzes Stück erwachsener. „Nach dem Abitur war ich unsicher, wie es weitergehen soll“, sagt sie. „Ich wollte mir ein Jahr zur Überbrückung nehmen und es sinnvoll nutzen.“ Beim Telefonieren ist sie nun selbstbewusster. Ihre PC-Kenntnisse hat sie verbessert. „Vor allem habe ich aber gelernt, zu sehen, wo meine Hilfe gebraucht wird.“

Die Fachdienstleitung im Caritas Zentrum, Irmgard Wirthmüller, kann das nur bestätigen: „Josefine kam mir erst still und introvertiert vor. Jetzt sehe ich eine junge, selbstbewusste Frau, die gelernt hat, sich durchzusetzen.“ Das sei wichtig, denn im Fachdienst prallen die Kulturen aufeinander. „Wir müssen jemanden, der keinen Termin hat, auch mal bestimmt abweisen können.“

Seit 18 Jahren arbeitet Wirthmüller im Caritas Zentrum und kennt die Vorteile des Bundesfreiwilligendienstes, den es jetzt schon seit zehn Jahren gibt. Mit Aussetzen der Wehrpflicht und Wegbrechen des Zivildienstes fürchteten soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser, Pflege- sowie Kinder- und Jugendhilfestellen erst eine Versorgungslücke. Nach zahlreichen „Zivis“ stellte auch Wirthmüller dann 2011 die erste „Bufdi“, Franziska Müller, ein. „Da war sie knapp 17 Jahre alt und somit jünger als die Zivildienstleistenden zuvor“, so Wirthmüller.

„Die Bufdi-Zeit will ich nicht missen“, sagt Müller heute. „Das hat meinen Horizont erweitert.“ Das Konzept aus Bildung und Entwicklungsförderung, das der Bundesfreiwilligendienst bietet, habe sich bewährt. Davon ist Müller noch heute begeistert.

Der Bundesfreiwilligendienst bietet zusätzlich zum Einsatz in Einrichtungen auch ein Lehrprogramm. Psychologie, Recht und Ethik stehen etwa auf dem Plan. Die Bufdis müssen nicht pauken, sondern reflektieren über ihren Alltag. Das baut Ängste ab und schafft Sicherheit. „Es ist der erste Berufseinsatz im Leben dieser junger Menschen. Meist stammen sie aus gut behüteten Elternhäusern und kommen erstmals mit Menschen in prekären Lebenssituationen in Kontakt“, sagt Wirthmüller. „Dafür braucht es die Anleitung.“

Die heute 27-jährige Müller arbeitete vor zehn Jahren für den „Treffpunkt 50 Plus“, eine Begegnungsstätte für Senioren. Nach der Mittleren Reife war sie sich sicher: „Büro ist nichts für mich.“ Der Freiwilligendienst belehrte sie eines Besseren. „Gerade die Organisation von Freizeitaktivitäten für die Senioren hat mir viel Spaß gemacht. Gleichzeitig war man Seelsorger und musste für sie immer ein offenes Ohr haben.“ Nach ihrer Bufdi-Zeit machte Müller deshalb sowohl eine Ausbildung zur Bürokauffrau als auch zur Heilerziehungspflegerin. Danach war die junge Mutter in der offenen Behindertenarbeit tätig.

Und auch Josefine Walter weiß jetzt, was sie beruflich machen möchte: Jura studieren. Weil sie in so vielen Fällen mit Sozial- und Asylrecht in Kontakt gekommen ist. Während des Studiums will sie Geflüchteten weiter helfen. Ehrenamtlich im Caritas Zentrum in Dachau.

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