Religiös – aber auf Distanz zur Kirche

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS

München/Bonn – Überraschend sind die Zahlen nicht, die gestern von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf einer Online-Pressekonferenz präsentiert worden sind: Die Austrittsneigung der Katholiken hat vom Jahr 2009 bis 2020 um neun Prozent auf nun 39 Prozent zugenommen. Mehr als jedes dritte Kirchenmitglied hat demnach bereits über einen Austritt nachgedacht – überwiegend sind das Männer im mittleren Alter und mit höherer Schulbildung. Die Aussage „ich bin gläubiges Mitglied meiner Kirche, fühle mich der Kirche eng verbunden“ stimmt unterdessen nur noch für 14 Prozent der deutschen Katholiken – 2009 waren das noch 17 Prozent.

Das Marktforschungsinstitut SINUS und das Institut für Demoskopie Allensbach haben im Auftrag der Kirche zwischen dem 26. Juni und dem 23. Juli des vergangenen Jahres 1690 Katholiken ab 14 Jahren in langen Interviews nach ihrer Einstellung zu Religion, Kirche und Glauben sowie zu den Themen befragt, die sie interessieren. Die Studie soll auch zeigen, in welchen Medien und mit welchen Themen Kirche die Menschen erreichen kann.

„Das Bild, das Katholiken von ihrer Kirche haben, hat vielfach eine kritische bis negative Färbung“, heißt es ungeschminkt in der Studie. Zwar sähen sie die Kirche auf der einen Seite als karitative Institution, die vielen Menschen Orientierung biete – aber auf der anderen Seite erscheine sie vielen nicht mehr als zeitgemäß. Kritisiert werden die bekannten Bereiche Sexualmoral, Rolle der Frau in der Kirche, mangelnde Offenheit etwa gegenüber Homosexuellen. „Die Mehrheit der Katholiken hat den Eindruck, dass die Kirche die Aufklärung von Missständen in den eigenen Reihen verhindert“, schreiben die Experten. Kirche lebe das, was sie vertritt, nicht glaubwürdig vor. Die Menschen erwarteten von der Kirche, dass sie in schwierigen Lebenslagen Trost spende und Hilfe anbiete, doch nur knapp die Hälfte der Befragten habe den Eindruck, dass sie diese Erwartungen erfüllt.

Der Rückgang der Mitgliederzahlen der Kirche führt auch nicht – wie vor allem konservative Kreise immer gehofft hatten – dazu, dass die verbleibenden Mitglieder ihrer Kirche umso enger verbunden sind, die Kirchenmitglieder sich also gleichsam auf einen „harten Kern“ besonders gläubiger Christen reduzieren. Die neue Studie zeigt das Gegenteil: An einer Reihe von Indikatoren ist abzulesen, „dass die kirchlichen Bindungen innerhalb des kleiner werdenden Kreises der Kirchenmitglieder entgegen solchen Erwartungen eher lockerer als enger werden“. Das zeige sich schon an der Zahl der Gottesdienstteilnehmer: 1950 besuchte durchschnittlich die Hälfte der Kirchenmitglieder (in Westdeutschland) den Gottesdienst. 1990 lag dieser Anteil in Gesamtdeutschland noch bei 21,9 Prozent, 2019 bei nur noch 9,1 Prozent.

Der Kirche müsse es darum gehen, anwesend zu sein, wo die Menschen heute sind, erklärte der Wiener Sozial- und Medienethiker Alexander Filipovic, der auch an der Studie mitgearbeitet hat. Dabei müsse nicht nur der Auftrag der Institution, sondern auch die Interessen von Kirchenfernen wie die Sinnfrage, Gerechtigkeitsaspekte und Ökologie eine Rolle spielen. Filopovic rief zu „größter Experimentierfreudigkeit“ in den sozialen Medien auf. Hier sehe er eine große Chance.

Der MDG-Trendmonitor

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