Der Wolfsspürhund vom Wörthsee

von Redaktion

VON JULIA WEINZIERLER

Wörthsee – Rotkäppchen mit ihrer Großmutter, die sieben Geißlein und die Herdentiere auf Bayerns Weiden haben einen gemeinsamen Feind. Es ist der uralte Mythos: Der Wolf als listige Gefahr, als gefräßiges Ungetüm. 200 Jahre nach den schaurigen Märchen der Gebrüder Grimm soll nun ausgerechnet sein domestizierter Nachfahre helfen, das Image des bösen Wolfs zu wandeln.

Hündin „Murmel“ ist aufgeregt und bereit. 300 Atemzüge pro Minute strömen durch ihren Körper. Dann kommt das Signal: „Such Wolf!“ Damit sie ja nicht vergisst, was nun zu tun ist, folgt ein kleiner, aber bestimmter Stupser auf die schokobraune Nase. Murmels Muskeln sind angespannt, über 200 Millionen Riechzellen spüren im Dickicht der Fährte nach, die der Wind immer wieder in ihre Richtung trägt. Murmel sucht den Wolf mit ihrem ausgezeichneten Geruchssinn, den sie von eben diesem Vorfahren geerbt hat.

Murmel ist ein zweijähriger Labrador-Australian-Shepherd-Mischling. Und Frauchen Franziska Baur bildet sie für das Projekt „LIFEstockProtect“ zu einem der ersten zertifizierten Naturschutzhunde Deutschlands aus (siehe Kasten). Dass Murmel in dem kleinen Waldstück mit Blick auf den Wörthsee tatsächlich einen Wolf findet, ist nicht zu erwarten. Doch das muss sie auch gar nicht.

Baur wohnt nicht weit vom Waldstück entfernt, in Steinebach im Kreis Starnberg. „Murmi“, wie die Biologin ihre Hündin nennt, soll einfach nur riechen. Die Hündin ist in ihrem Element, läuft im Zickzack durch Matsch, Laub und Moos. Die Nase zuckt kaum merklich, während sie viel mehr Gerüche aufnimmt, als ein Mensch es kann. Ihre Route wirkt wirr und ist doch zielstrebig. Plötzlich setzt sie sich neben einen Baum, fixiert Baur mit ihren Augen. Ein Stück Kot liegt da, gespickt mit Wildschweinborsten und Knochen. Eindeutig die Hinterlassenschaft eines Wolfes – und extra für Murmel versteckt. Baur freut sich, ihre Stimme nimmt einen höheren Ton an: „Fein Maus, das hast du gut gemacht“, schallt es durch den Wald. Dann gibt es ein Leckerli. Belohnung muss sein.

Schon lange bewachen Hunde weidende Herden, schlagen Wölfe in die Flucht, sind bereit, sie notfalls zu töten. Doch Murmel soll einen anderen Zweck erfüllen.

Franziska Baur hat neben Biologie Wildtiermanagement studiert. Heute leitet sie das Projekt „Tatort Natur“ der „Gregor Louisoder Umweltstiftung“ und des Landesbunds für Vogelschutz in Bayern, welches gegen die illegale Verfolgung geschützter Wildtierarten wie Greifvögel oder Luchse vorgeht. Die Ausbildung mit Murmel macht sie ehrenamtlich, muss sie gar selbst finanzieren. Entlohnt soll erst der Einsatz werden: Baur wird dann mit ihrem Vierbeiner durch bayerische Wiesen, Felder und Wälder streifen, in denen es Wolfssichtungen oder einen Nutztierriss gab, um zu bestätigen: Ja, der Wolf war hier. Bauern können dann gezielt Zäune bauen oder Hirten anstellen, um ihre Weidetiere zu schützen. „Am besten, bevor etwas passiert“, sagt Baur, die der Wolf seit ihrem Studium nicht mehr loslässt.

Das von der EU geförderte Projekt „LIFEstockProtect“ dreht sich um Weidetiere. Doch gleichzeitig soll der Wolf wieder bleiben dürfen, nachdem ihn die Menschen vor rund 150 Jahren in den hiesigen Wäldern ausgerottet haben. Deutschlandweit gibt es aktuell 128 Wolfsrudel mit im Schnitt je acht Tieren. Dazu kommen 39 Wolfspaare und ein paar Einzelgänger. „Aufaddiert leben in der Bundesrepublik also deutlich mehr als 1000 Wölfe“, sagt Moritz Klose von der internationalen Natur- und Umweltschutzorganisation WWF.

„In Bayern sind derzeit drei Rudel nachgewiesen“, erläutert Moritz. Die Wölfe mit Nachwuchs leben im Bayerischen Wald, im Manteler Forst und im Veldensteiner Forst. Die Einzeltiere haben Territorien bei den Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Hohenfels, in den Allgäuer Alpen und dem Odenwald. In Oberbayern liegt das einzige bestätigte Territorium im Landkreis Eichstätt.

Umherstreifende Wölfe können aber in ganz Bayern – zuletzt etwa im April im Kreis Miesbach – gesichtet werden. „Als standorttreu gelten sie jedoch erst nach einer Verweildauer von mindestens sechs Monaten“, erklärt der WWF-Wolfsexperte. Gerade ziehen die Wölfe in Richtung Alpen. Die Tendenz ist überall steigend.

Für die zweite Trainingsrunde holt Baur einen in mehrere Schichten Plastik gewickelten Brei aus ihrer Tasche, der einfach nur stinkt. Wieder Kot, dieses Mal vom Waschbären. Er soll Murmel von ihrem eigentlichen Ziel ablenken. Als die Hündin die Wolfskot-Fährte verliert, wird sie tatsächlich unsicher. Bewusst ignoriert Baur ihre „Murmi“, als die am falschen Platz umhertrottet. Der Wind hat nachgelassen, der Geruch des Wolfskots hat kaum noch Chancen, sich zu verbreiten. Dennoch beendet Murmel ihre Suche schließlich mit einem Triumph. Die Ausbildung von Murmel wird noch einige Zeit dauern. Wegen Corona konnte Baur ihre Hündin bisher nur alleine trainieren, noch im Juli aber soll Verstärkung durch professionelle Trainer kommen.

20 Mensch-Tier-Teams werden im Rahmen des Projekts „LIFEstockProtect“ für den Alpenraum vom Verein Naturschutzhunde ausgebildet. Die Hunde sollen Gerüchte über Wolfssichtungen überprüfen, erklärt Stefanie Morbach, die das Projekt in Bayern leitet. Baur und ihre „Murmi“ sind eines von fünf bayerischen Teams.

In Bayern gibt es bisher nur wenige offizielle Wolfsgebiete. Doch ohne diesen Status erhalten Bauern keine Unterstützung für den Herdenschutz durch den Freistaat. Mit Hunden wie Murmel soll das Geld früher fließen, noch bevor der Wolf Schaden anrichtet. Die Zeit drängt, denn der Wolf kann überall auftauchen, auf seinen Streifzügen ist ihm kaum ein Weg zu weit. Und sein Auftauchen bedeutet für Weidetierhalter Stress. Jedes getötete Tier kostet Nerven und Zeit für den Papierkram zur Entschädigung. Früher sind die Tiere „einfach da“ gewesen, sagt Morbach. Nun sei es Zeit, sich wieder an sie zu gewöhnen, auch wenn das ein Umdenken erfordere. Der Wolf war lange weg, das war bequem. Doch im Grunde, sagt sie, ist er auch hier zu Hause.

Murmel weiß natürlich nicht, welchem Zweck ihr fleißiges Schnüffeln dient. Für sie ist es in erster Linie Spaß – und jeder Fund ein Erfolg, der Leckerlis einbringt. Auf einen echten Wolf sollte Murmel lieber nicht treffen. Der, erklärt Baur, könnte sie als Paarungspartnerin sehen – oder als Feindin. Deswegen muss Murmel immer nah bei der Biologin bleiben. Denn ist ein Mensch in der Nähe, bleibt der Wolf lieber weg und ist ungefährlich.

Am Ende soll Murmel dazu beitragen, dass sich Wolf und Mensch, Weidetierhalter und Tierschützer, Wolfsfeinde und Wolfsfreunde besser verstehen. Bauern sehen den Wolf als Gefahr, die Angst um die eigenen Tiere ist zu groß. Doch langfristig, wünscht sich Franziska Baur, solle es „ein Nebeneinander, eine Koexistenz“ geben. Dafür trainiert sie ihre Hündin fast täglich. Für heute ist es gut. „Murmi“ ist nicht mehr motiviert und spielt lieber mit Stöckchen. Der Kot wird bis morgen wieder verstaut. Und der Wolf streift weiterhin durch Bayern.

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