Der Wolf kehrt 150 Jahre nach seiner Ausrottung verstärkt nach Deutschland zurück – jährlich wächst der Bestand um rund 30 Prozent. Während sich Landwirte um ihre Nutztiere sorgen, hofft Moritz Klose auf mehr Akzeptanz. Klose ist Programmleiter für Wildtiere in Deutschland und Europa beim „World Wide Fund For Nature“, kurz WWF.
Herr Klose, in Bayern leben über 30 Wölfe. Werden es irgendwann zu viele?
Der Bestand entwickelt sich dynamisch fort. Die Sorge vor Wolf-Hotspots ist aber unbegründet. Ein Territorium erstreckt sich über 200 bis 300 Quadratkilometer – eine Fläche fast so groß wie München. Leben kann auf einem solchen Areal maximal ein Rudel mit je rund acht Wölfen. Mehr werden es nicht. Wenn die Jungtiere geschlechtsreif sind, machen sie sich mit rund 20 Monaten auf die Suche nach einem eigenen Territorium. Wölfe breiten sich also aus, konzentrieren sich aber nirgends. Einer Studie zufolge bietet Deutschland Platz für 700 bis 1400 Territorien. Bis alle besetzt sind, werden sehr wahrscheinlich noch viele Jahre vergehen. Heute sind Territorien im niedrigen dreistelligen Bereich bewohnt. Auch wenn irgendwann alle belegt wären, würde sich der Bestand über Nahrung, Revierkämpfe und Krankheiten regulieren.
Die Ausbreitung ist also unproblematisch?
Romantik wäre an dieser Stelle falsch. Es kommt natürlich zu Konflikten, wenn Wölfe Nutzvieh reißen. Aber es gibt Lösungen für diese Probleme. Elektrozäune und Herdenschutzhunde werden staatlich gefördert. In Brandenburg beispielsweise leben rund 50 Rudel, in Bayern nur drei – trotzdem kommt es im Süden zu mehr Problemen. Viele Menschen sehen im Wolf einen Fremdling. Das ist er nicht. Es ist wichtig, dass wir die Tiere als heimisch anerkennen und uns auf deren Anwesenheit einstellen. Diese Akzeptanz fehlt auch in Bayern vielerorts. Und dann wird nach Abschüssen gerufen, statt sich um Herdenschutz zu kümmern, der selbst auf Almen möglich ist.
Was klappt in Brandenburg besser?
Das Gebiet ist gesättigt. Wolf und Mensch haben sich vielerorts arrangiert – die Tiere kennen den Herdenschutz und akzeptieren die Grenzen. Würde man sie dort abschießen, wäre das kontraproduktiv. Andere Wölfe würden nachrücken, der Lernprozess von vorne beginnen. Brandenburg zeigt: Wolf und Mensch – das kann funktionieren.
Kritische Stimmen kommen hierzulande nicht nur aus der Landwirtschaft.
Eine vom WWF in Auftrag gegebene Studie ist erst kürzlich veröffentlicht worden. Sie dokumentiert: Wolfsübergriffe auf Menschen sind sehr, sehr selten. In Deutschland hat es seit ihrer Rückkehr keinen einzigen Fall gegeben. Ich selbst habe noch nie Wölfe getroffen und vor Wildschweinen viel mehr Angst. Wer auf einen Wolf stößt, sollte ihm nicht nachlaufen, nicht anfüttern und Hunde anleinen – dann sollte nichts passieren. Wölfe ernähren sich hauptsächlich von Wild. Das sorgt für Unmut bei manchen Jägern. Aber: Wir haben derzeit einen historisch hohen Wildbestand. Gleichzeitig sind wir auf das Fleisch nicht mehr angewiesen. Für Förster und gesunde Wälder ist der Wolf also nützlich. Für Jäger bleibt trotzdem genug.
Vor 150 Jahren hat man das noch anders gesehen. Was hat sich gewandelt?
Im Jahr 1882 wurde der letzte Wolf in Bayern geschossen. Damals waren die Tiere echte Konkurrenten für die Menschen. Viele Familien hatten ein Schaf, mit Glück noch zwei Ziegen. Wenn die gerissen wurden, war das eine Existenzbedrohung. Gleiches gilt für Rot- und Rehwild – früher noch Lebensgrundlage für die Menschen, heute eine Delikatesse. Wir sind mittlerweile anders strukturiert, der Wolf ist kein Konkurrent mehr. Und Schutzmaßnahmen für Nutzvieh, die es früher nicht gab, sind in allen Variationen erhältlich. Die Ausrottung war seither bequem für uns – aber schon lange nicht mehr nötig.
Wie ist die Lage heute?
Die Trendwende kam mit den Berner Konventionen 1979 und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU in den 1990er Jahren. Seit der Jahrtausendwende siedeln sich Wölfe wieder an – sie sind geschützt. Glücklicherweise stellt sich die Frage nach Bequemlichkeit deshalb nicht mehr. Für Deutschland als EU-Staat ist die Erfassung geschützter Tiere verpflichtend. Das sogenannte Monitoring findet jährlich von 1. Mai bis 30. April statt. Neben Sichtungen aus der Bevölkerung fließen auch Daten aus Fotofallen und aus genetischem Monitoring ein. An gerissenem Wild hängt oft Wolfsspeichel, den wir analysieren können. Es wird also viel getan für den Wolf.
Warum wünschen Sie sich den Wolf zurück?
Wir hören täglich vom weltweiten Artensterben, viele Menschen wollen etwas dagegen tun. Die natürliche Ausbreitung des Wolfs ist eine Chance, dies unkompliziert vor der eigenen Haustüre anzugehen. Die Tiere kehren von alleine in ihre ehemalige Heimat zurück. Deutschland als reiches Industrieland sehe ich in der Pflicht, den Wölfen die Rückkehr zu ermöglichen – und sie muss gelingen. Von anderen Ländern fordern wir schließlich auch, dass sie Tiger oder Elefanten schützen. Und der Elefant ist in weiten Teilen Afrikas auch ein Konflikttier, frisst etwa Felder leer oder attackiert Menschen. Trotzdem käme hierzulande vermutlich niemand auf die Idee, die Ausrottung des Elefanten durch afrikanische Länder gutzuheißen.
Interview: Jonas Napiletzki