Unterammergau – Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee, die Semmeln stehen auf dem Tisch, eine Kerze brennt. Claudia Böhner sitzt auf dem blauen Sofa. Ihr Partner kommt aus dem Schlafzimmer, geht ins Bad, dann in die Küche – all das passiert auf nicht einmal 20 Quadratmetern Wohnfläche. Die beiden befinden sich in einem Haus, das kleiner ist als eine Einzelgarage. Doch es fehlt ihnen an nichts. Im Ammertal können das Wohnen auf wenig Raum bald noch mehr Menschen ausprobieren.
Die Unterammergauerin Manuela Schädle und Bernd Klöpper bauen seit zwei Jahren Minihäuser, sogenannte Tinyhouses. Nun starten sie in Unterammergau ein Pilotprojekt: ein „Ortsviertel“ rein aus Minihäusern. Die Gemeinde hat zugestimmt – das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen zuletzt auch. Am Roßanger steht ihr Prototyp. Ein „Loft-Süd“. Schädle vermietet es an Touristen wie Claudia Böhner. Sie kommt aus Dortmund, lebt dort in einer Innenstadt-Wohnung. „Die ist nicht sonderlich größer“, sagt sie. „Aber nicht so schön.“ Zum ersten Mal nächtigen sie und ihr Freund in einem Miniaturhaus. Sie könnte sich auch gut vorstellen, dauerhaft in einem zu leben, sagt sie. Denn im Gegensatz zu ihrer Stadtwohnung hat sie hier eine Terrasse, einen Garten, viele Fenster mit massig Licht – und Eigentum. „Man kann sich damit den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen.“
Ein Wunsch, der für viele Menschen im Landkreis astronomisch weit entfernt liegt. Bis zu 1,2 Millionen Euro kostet ein Einfamilienhaus in Garmisch-Partenkirchen. Schädles Minihäuser sind für einen Bruchteil zu erwerben. Um die 70 000 Euro kostet eines – voll ausgestattet und möbliert, samt aller elektronischer Haushaltsgeräte wie Backofen oder Herd.
Aus reinen Naturmaterialien konzipiert werden die Häuschen von Schädles Lebensgefährten Bernd Klöpper in einer Werkhalle in Unterammergau. Die Zimmerei Gaida übernimmt die Fertigung der Grundgestelle, den Innenausbau setzt in Kooperation die Schreinerei Huber um. Die sieben auf drei Meter kleinen Gebäude verkleidet der Schreiner mit Lärchenholzschindeln in der Loft-Süd-Version. Für den Norden – in Klöppers niedersächsicher Heimat Nartum stehen ebenfalls schon seine Tinyhäuser – ist die „Loft-Nord“-Variante aus Tannenholz in etwas dunkleren Pastellfarben gehalten. Sie alle sind transportierbar. Zudem gibt es eine dritte Variante, die vom Prinzip her wie ein Wohnmobil funktioniert und auf einem Anhänger als Ladung steht. In wenigen Wochen Bauzeit macht Klöpper sie einzugsfertig. Jedes Haus ist individuell. Ein wenig wie bei Lego: Die Ausstattungsbausteine können Käufer selbst zusammenstecken. Auch Solar- und Fotovoltaik-Anlagen sind möglich.
Auf die Idee kam das Paar vor zwei Jahren im Urlaub. Dort wohnten beide in einem Holziglu. „Es war so gemütlich“, erinnert sich Schädle. Die Begeisterung schlug schnell in Tatendrang um. Die beiden wollten selbst Minihäuser bauen. Doch nicht nur für die Ferien, sondern als festen Wohnsitz. Mit der Idee kam auch die Erkenntnis, dass sie damit einem großen Problem im Kreis Garmisch-Partenkirchen entgegensteuern könnten. „Wohnraum ist hier knapp und teuer.“ Die Tinyhäuser könnten eine Lösung sein. „Vor allem haben sie Potenzial für die Nachverdichtung“, sagt Klöpper.
Deshalb stellten die Initiatoren einen entsprechenden Bauantrag an die Gemeinde Unterammergau und ans Landratsamt. Ein Grundstück an der Hofstadelstraße soll zum neuen Minihaus-Viertel werden. Sie haben grünes Licht bekommen. Sechs Stück mit Terrasse und kleinem Garten entstehen dort in Kürze. Vier sind schon jetzt verkauft. „Die Nachfrage ist groß.“ Die Eigentümer erwerben die Häuschen und müssen lediglich Pacht an den Grundbesitzer zahlen. Das bedeutet: Wer mit seinem Gebäude umziehen will, kann das ohne Weiteres. Dann baut Klöpper wieder ein neues und bietet es zum Kauf an. Ergänzt wird das Areal um einen Gemeinschaftsraum. Ein regulärer Hausanschluss ist für die Häuser vorgesehen. Mit Arthur Böhme im Vertrieb hat die Firma „Tiny-Wohn-T-Raum“ mittlerweile auch ein Büro in Oberammergau. Der Gemeinderat war angetan und stimmte zu. „Uns ist nur wichtig, dass die Häuschen nicht touristisch, sondern als Wohnanlage genutzt werden“, sagte Bürgermeister Robert Stumpfecker. Dass daraus Zweitwohnungen entstehen könnten, lasse sich leider nicht verhindern. „Doch wir hoffen, dass die Häuser von jenen erworben werden, die sie wirklich brauchen: Menschen, die sich sonst kein Eigentum leisten könnten.“