Endlich Ruhe am Weinberg?

von Redaktion

Erbitterter Streit um den Bund Oberland und eine Gedenktafel

Ende gut, alles gut? Seit Jahren wird um eine Gedenktafel am Weinberg oberhalb von Schliersee gestritten. Die Tafel an der Außenmauer der St.-Georgs-Kapelle erinnerte an 52 Tote aus den Reihen des ehemaligen Freikorps Oberland, die 1921 bei den Kämpfen zwischen polnischen und deutschen Truppen am Annaberg in Oberschlesien ums Leben kamen. Ein heikler Fall: Der Annaberg hat bei älteren Angehörigen der Vertriebenen einen fast mythischen Klang. Aber das Freikorps war berüchtigt – antisemitisch, mörderisch. Wie in einem Brennglas spiegeln sich in der kleine Tafel Etappen der deutschen Geschichte.

Um die Tafel scharten sich seit Jahrzehnten Heimatvertriebene, mehr und mehr aber auch eine rechtsradikale Minderheit. Die Kapelle am Weinberg kam regelrecht in Verruf. Am kommenden Freitag wird nun die Umgestaltung präsentiert: eine Installation „Ort der Erinnerung“. Die Tafel wurde aus der Kapelle entfernt, in eine halb runde Mauer unterhalb der Kirche eingelassen und mit historischen Erläuterungen versehen. Thomas Schlemmer, Historiker am Münchner Institut für Zeitgeschichte, hat die Gemeinde beraten. Er hofft, „dass die jetzige Lösung vor Ort getragen wird“ – und rechtsradikale Aufmärsche am Weinberg der Vergangenheit angehören.

Der historische Hintergrund: Bei der Volksabstimmung 1921 in Oberschlesien über die staatliche Zugehörigkeit stimmten knapp 60 Prozent für den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland. Im sogenannten dritten polnischen Aufstand versuchten polnische Freischärler, die Stimmung umzudrehen. Daraufhin strömten nationalistische Studenten und Freikorps nach Oberschlesien. Am Annaberg errangen sie im März 1921 einen Sieg. Viele „Annabergler“ konnten sich nie damit anfreunden, dass die Alliierten auf Empfehlung des Völkerbunds im Oktober 1921 trotzdem entschieden, den Annaberg zusammen mit oberschlesischen Industrierevieren Polen zuzuschlagen.

Die Verbitterung über diese Entscheidung reichte bis ins südliche Oberbayern – denn der hier verwurzelte Bund Oberland hatte zahlreiche Mitglieder, die am Annaberg gekämpft hatten. Der damalige Schlierseer Bürgermeister Hans Miederer lag politisch auf einer Linie mit den Oberland-Leuten. Er witterte aber auch touristisches Potenzial, als er den Bau eines klobigen Oberland-Denkmals auf dem Weinberg durchsetzte. „Man hoffte, dauerhaft Gäste zu gewinnen“, sagt Schlemmer. National gesinntes, wohlhabendes Publikum. Die Einweihung des Denkmals kurz vor dem Hitlerputsch war ein Ereignis für diese Kreise – auch Weltkriegs-General Ludendorff und Hitler-Gefolgsmann Hermann Göring kamen.

Das Denkmal stand bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Weinberg – dann wurde es zerstört. Eigentlich, so sagt Schlemmer, waren alle froh darüber, galt es doch als „Monument für Faschismus und Nationalismus“. Zwei Personen allerdings konnten sich damit nicht abfinden: Der Schlierseer Ortspfarrer Josef Wiedholz, dessen Bruder Ludwig – damals gerade 16 Jahre – am Annaberg gekämpft hatte, forderte ein neues Denkmal. „Der Schlierseer Gemeinderat wollte das aber ausweislich der Protokolle des Gemeinderats nicht“, sagt Schlemmer.

Damit wäre die Sache eigentlich erledigt gewesen, denn die Kapelle steht auf dem Grund der Gemeinde. Den Ausschlag gab deshalb wohl das Engagement von Dr. August Bierling, der in den 1950er-Jahren Lokalredakteur des „Miesbacher Merkurs“ war. Bierling hatte einen einschlägigen Hintergrund: Er trat früh in die NSDAP ein, war 1932/33 sogar Kreisleiter der Partei in Bad Aibling. In der NS-Zeit Chefredakteur einer NS-Sonntagszeitung, hatte er als Belasteter Schwierigkeiten, wieder Fuß zu fassen. Bierling und Wiedholz hatten die Idee, einfach eine Gedenktafel in der Kirche aus dem 14. Jahrhundert zu verankern und so das Veto der Gemeinde auszuhebeln.

1956 wurde die Tafel eingeweiht. Die Diktion war mindestens verharmlosend. Denn ob das wirklich ein „Freiheitskampf“ war, ist zweifelhaft, da der Kreis Groß Strehlitz, in dem Annaberg liegt, mehrheitlich für den Verbleib in Polen gestimmt hatte (die Gemeinde Annaberg selbst jedoch mehrheitlich für das Deutsche Reich).

Ausgeblendet wurde zudem, dass der Bund Oberland eine republikfeindliche Organisation war. Anhänger machten 1923 beim Hitlerputsch mit und nahmen auch Juden als Geiseln. Zweitens starben bei den Kämpfen natürlich nicht nur 52 Angehörige vom Bund Oberland – sondern circa 3000 Menschen auf beiden Seiten. Im Deutschland der Adenauer-Zeit, so sagt der Historiker Schlemmer, war der „Phantomschmerz über den Verlust der Ostgebiete jedoch ein Allgemeinplatz und gesellschaftsfähig“. Bei den alljährlichen Feldmessen an der Kapelle traf sich „die Mitte der Gesellschaft“: Gebirgsschützen, Ministranten, der Krieger- und Veteranenverein und Vertriebene. „Das gemeinsame Erinnern an einen Sieg“ – eben die Erstürmung des Annabergs – passte in die Zeit des Kalten Kriegs.

Ab den 1970er-Jahren wurden die Feiern allerdings „zum Anliegen einer immer radikaleren Minderheit“. Ehemalige SS-Angehörige standen nun Seite an Seite mit der „Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland“ – während die örtliche IG Metall, die am Schliersee ein Jugendbildungszentrum hat, zum Zentrum des Protests dagegen wurde. Dieser erbitterte Streit soll nun enden – Schlemmer hofft, „dass Schliersee nun ein bewussteres Verhältnis zur eigenen Zeitgeschichte hat“. DIRK WALTER

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