Nach fast 20 Jahren Einsatz haben die letzten Soldaten der deutschen Bundeswehr Afghanistan verlassen. Die Lage in dem Land ist nach wie vor instabil. 150 000 Soldaten waren in Afghanistan stationiert. 59 verloren in dem Land ihr Leben, viele weitere wurden schwer verletzt – so auch Tino Käßner (47) aus Murnau. Er ist ehemaliger Berufssoldat. Bei einem Selbstmordattentat verlor er seinen rechten Unterschenkel. Dennoch blieb er positiv und begann ein neues Leben. Heute arbeitet er unter anderem in einem Radsportgeschäft.
Herr Käßner, bitte erzählen Sie von Ihren Aufenthalten in Afghanistan und Ihren Aufgaben vor Ort.
Zwischen 2003 und 2005 war ich insgesamt auf drei Auslandseinsätzen in Kabul und Kundus stationiert. Erst habe ich als Feldjäger, später als Personenschützer gedient. Es ist unmöglich, sich die Lage in Afghanistan vorzustellen, wenn man nicht selbst vor Ort gewesen ist. Ich habe viel Negatives gesehen, aber auch viele Fortschritte und positiv eingestellte Menschen.
Wie erleben Sie die Entscheidung, den Afghanistaneinsatz zu beenden?
Ich sehe den Abzug zwiegespalten. Auf der einen Seite musste der Einsatz ein Ende finden. Gut ist, dass nun keine deutschen Soldaten mehr zu Schaden kommen. Andererseits stellt sich die Frage, ob der Zeitpunkt günstig gewählt ist. Bisher wurde nicht viel erreicht. Die Lage in Afghanistan ist nicht stabil. Jedoch sind der Bundesregierung, ohne die Unterstützung der US-amerikanischen Streitkräfte, die Hände gebunden.
Finden Sie, dass die Ortskräfte von der Bundesregierung im Stich gelassen werden?
Wir Soldaten hatten einen engen Draht zu den Helfern und den Dolmetschern vor Ort. Ohne ihre Unterstützung wäre vieles nicht möglich gewesen. Sie haben uns geholfen, jetzt muss ihnen geholfen werden. Es ist unsere Pflicht, diese Menschen sofort in Sicherheit zu bringen. Das sind keine Flüchtlinge. Sie sind genau wie wir ein Teil des Truppe gewesen.
Ärgern Sie sich darüber, dass die Leistung der Soldaten zu wenig gewertschätzt wird?
Das Problem ist, dass viel zu wenig über die Auslandseinsätze und die Errungenschaften der Bundeswehr bekannt ist. Beispielsweise konnten während meiner Einsätze viele Schulen und Krankenhäuser gebaut werden. Beschämend finde ich vor allem, dass die letzten Soldaten nach 20 Jahren Einsatz weder von der Kanzlerin, noch von der Verteidigungsministerin empfangen wurden. Diese Anerkennung hätten wir Soldaten verdient.
Sie wurden bei einem Angriff schwer verwundet. Wie haben Sie dieses Erlebnis verarbeitet?
Ich habe den Anschlag bei vollem Bewusstsein erlebt. Stundenlang schwebte ich in Lebensgefahr – und verlor einen Unterschenkel. Ich hatte großes Glück und habe überlebt. Für mich stand fest, das Beste aus meiner Situation zu machen. Ich habe nie zurückgeblickt. Mir ist bewusst, dass meine positive Einstellung nicht selbstverständlich ist. Viele haben mit ihren Erfahrungen immer noch zu kämpfen.
Wie sieht Ihr Leben heute aus? Wie viel Afghanistan ist geblieben?
Wegen meines Handicaps konnte ich mich nicht mehr vollständig als Soldat identifizieren. Ich war schon immer begeisterter Radsportler und beschloss, einen neuen Weg einzuschlagen. Dank Prothese schaffte ich sogar den Sprung in die Paracycling-Nationalmannschaft und habe bei mehreren Weltmeisterschaften teilgenommen. Mir fehlt ein Bein – aber in der Zeit danach ist so viel entstanden. Auch meine Familie hilft mir, nach vorne zu blicken.
Interview: Merle Hubert