Starnberg – „Das war ein Fehler – und dieser Fehler hat Leo das Leben gekostet.“ Dieser Satz von Richterin Karin Beuting fasst den Prozess um den Tod eines 13-Jährigen beim Rudertraining zusammen. Gestern ging die Verhandlung mit Geldstrafen für die zwei angeklagten Trainer zu Ende. Weil sie den Jungen im April 2015 auf dem Starnberger See nicht ausreichend beaufsichtigten und er abseits der Gruppe ertrank, verurteilte das Amtsgericht Starnberg die beiden Männer zu je 90 Tagessätzen zu 30 Euro. „Wir wissen nicht viel“, sagte Beuting in ihrer Urteilsbegründung. Die Beweisaufnahme hatte bei Weitem nicht alle Abläufe am Tag des Unfalls klären können. Am Ende bleibe aber der Vorwurf, dass die beiden Trainer den 13-Jährigen nicht ausreichend beaufsichtigt hätten. Es habe durch verschiedene Umstände eine erhöhte Gefährdung gegeben, sagte sie in Richtung der Angeklagten. „Was ich Ihnen ankreide ist, dass trotz dieser erhöhten Gefährdung so lange nicht geschaut wurde.“
Der 13-jährige Leo hatte eigentlich abseits der Gruppe am Ufer trainieren sollen. Er war aber aus ungeklärten Gründen auf den See hinaus gefahren, ins Wasser geraten und im kalten See ertrunken. Die Trainer kümmerten sich währenddessen an anderen Stellen um andere Schüler. Natürlich könne man nicht jede Sekunde hinschauen, doch der Zeitraum, in dem das Unglück passiert sei, sei zu lange gewesen, befand die Richterin.
Ein solcher Fehler könne im Prinzip jedem passieren, sagte Beuting. Doch die Folgen seien nicht wiedergutzumachen. Bei ihrer Entscheidung hatte sie auch berücksichtigt, dass zwischen Unfall und Urteil sechs Jahre vergangen sind. Das habe auch die Angeklagten belastet. Bei einem schnelleren Urteil hätte Beuting zufolge durchaus auch eine Freiheitsstrafe im Raum gestanden.
Zudem rechnete die Richterin den Männern ihr Geständnis und Bedauern sowie ihr ehrenamtliches Engagement an und berücksichtigte bei der Höhe der Tagessätze bereits geleistete Zahlungen der Angeklagten an gemeinnützige Organisationen von rund 10 000 bzw. 35 000 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Die Verteidigung hatte zuvor Freispruch für ihre Mandanten gefordert. Hintergrund des Antrags auf Einstellung war der lange Weg zum Prozess: Ursprünglich war die Anklage am Landgericht München erhoben worden, das ans Amtsgericht verwies. Dort wurde der Prozess gegen Geldauflagen eingestellt. Staatsanwaltschaft und die Nebenklage legten Beschwerde ein, das Landgericht hob die Einstellung auf und schickte das Verfahren zurück nach Starnberg.
Magda-Lia Bloos, Leos Mutter, hatte den Angeklagten gestern schwere Vorwürfe gemacht: „In unseren Augen haben Sie beide Leo auf dem Gewissen“, sagte sie mit leiser, erstickter Stimme. „Ihnen haben wir unseren Sohn anvertraut.“ Die Männer hätten die Pflicht gehabt, das Training so zu gestalten, dass es kein Risiko gebe. Stattdessen hätten sie den 13-Jährigen bei gefährlichen Bedingungen allein gelassen.
Auch die Anwältin der Nebenklage war in ihrem Plädoyer darauf eingegangen. Der 13-Jährige sei ganz allein gewesen, als er ins Wasser geriet und bemerkte, wie kalt und tödlich es war und beim „verzweifelten Kampf, wieder ins Boot zu kommen“, sagte sie. „Und er war alleine, als er schließlich aufgeben musste und ertrunken ist“, sagte sie.
Auch zwei von Leos besten Freunden waren gestern zur Verhandlung gekommen. Otto Subklewe (18) und Lucas Wang (19) trugen T-Shirts mit Leos Foto. Darunter standen die Worte „Justice for Leo“ – Gerechtigkeit für Leo. „Die Richterin soll sehen, um wen es geht.“ Die Verteidigerin beanstandete das als Protest im Saal, die beiden Jugendlichen mussten die T-Shirts wieder ausziehen. Für das Urteil waren sie gestern dankbar, sie sagten: „Jetzt ist offiziell, dass die Trainer Schuld hatten.“