München – Gabriele Stark-Angermeier, die Vorständin des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising, hat Konsequenzen aus den Erfahrungen der Pandemie gefordert. Besonders die Zeit der Besuchsverbote und der sozialen Isolation seien für die rund 3000 Bewohner der Altenheime sehr belastend gewesen, betonte sie. „Das hat uns vor Augen geführt, dass wir immer wieder die Angemessenheit politischer Maßnahmen überprüfen müssen.“ Auch viele Familien seien weitgehend sich selbst überlassen gewesen, besonders Mütter mussten oft zurückstecken. „Die Probleme von Familien, Schulkindern und Jugendlichen wurden lange ignoriert.“ Corona habe die soziale Bildungsschere noch weiter geöffnet, zwei Millionen Kinder wurden gar nicht mehr erreicht, bilanzierte Stark-Angermeier. „Ich hoffe, dass die Politik diese Lektion gelernt hat und alles dafür tut, dass die Schulen nach den Sommerferien geöffnet bleiben.“
Auch eine andere Entwicklung hat sie beobachtet: Durch die Pandemie seien mehr Menschen in die Armut gerutscht. „Plötzlich sind Familienväter und -mütter in unserer Sozialberatung, die in Kurzarbeit gehen mussten oder ihre Arbeitsstelle verloren haben.“ Voriges Jahr hatte die Caritas 5500 Klienten in der Schuldnerberatung betreut. Die Tendenz sei stark steigend, berichtete Stark-Angermeier. „Bis Ende des Jahres werden es wohl 6400 sein – und es wird lange Wartezeiten geben.“ Immer mehr Bedürftige nutzen auch die mobilen Essensausgaben, die die Caritas zu Beginn der Pandemie in München eingerichtet hat. Bis zu 700 bedürftige Menschen werden dort aktuell mit warmen Mahlzeiten versorgt.
„Die Pandemie darf nicht weiter zur Vertiefung sozialer und ökonomischer Ungleichheit führen“, fordert sie. Von der Politik erwartet sie Regelungen zur sozialen Sicherung, um Menschen vor Armut, Überschuldung, Wohnungs- oder Erwerbslosigkeit zu bewahren. Mit Blick auf die Bundestagswahl im September sagte Stark-Angermeier, sie sei froh, dass in allen Parteiprogrammen diese sozialen Themen aufgegriffen würden. Einzige Ausnahme sei die AfD.
Auch in finanzieller Hinsicht werden die Folgen der Pandemie die Caritas noch lange begleiten, kündigte Co-Vorstand Thomas Schwarz an. Sach- und Personalkosten seien enorm gestiegen, gleichzeitig gab es durch Schließungen Mindereinnahmen. Vieles davon hätten die Rettungsschirme abgefangen. Doch noch immer sei nicht absehbar, inwieweit es zu Rückzahlungen der erhaltenen Mittel kommen werde. Schwarz betonte: Die Sozialwirtschaft dürfe nicht vergessen werden. „Unsere Arbeit ist der Kitt der Gesellschaft.“ kwo