Salzburg – Einer der heißesten Tage wird der 8. August. Wobei das weniger mit dem Klimawandel zu tun hat: Jeweils 2180 Gala-Gäste werden im Großen Festspielhaus in Salzburg vormittags ein Konzert der Wiener Philharmoniker erleben und abends den dröhnenden Antiken-Schocker „Elektra“ von Richard Strauss. 1480 lauschen Superstar Cecilia Bartoli im Haus für Mozart während einer Händel-Oper, 800 im Mozarteum dem dortigen Hausorchester. Und auf dem Domplatz werden über die 2500 Besucherinnen und Besucher die traditionellen „Jedermann!“-Rufe hinweggellen. Macht zusammen, inklusive kleinerer weiterer Veranstaltungen, rund 11 000 Karten.
Mehr geht gerade in der Kultur nicht. Damit sind die Salzburger Festspiele, die an diesem Samstag starten und bis 31. August dauern, weltweit einzigartig. Kein Schachbrettmuster bei der Saal-Belegung, keine Einschränkungen beim Ticketverkauf. Die Stadt zwischen Mönchs- und Kapuzinerberg geht, wie seit Anfang Juli in Österreich üblich, in die Vollen. In allen Sälen darf sogar der berühmte letzte Platz besetzt werden. Hinein kann allerdings nur, wer doppelt geimpft, negativ getestet oder von einer Corona-Infektion genesen ist.
Wieder, wie schon 2020, sind die Salzburger Festspiele damit Schrittmacher im internationalen Kulturleben. In den Schoß gefallen ist das dem Direktorium nicht, harte Lobby-Arbeit steckt dahinter. Gern wird kolportiert, wie Präsidentin Helga Rabl-Stadler ihre beiden „Buben“ Markus Hinterhäuser (Intendant) und Lukas Crepaz (kaufmännischer Direktor) öfters an der Hand nahm, einen frühen Railjet nach Wien bestieg und dort Bundeskanzler Sebastian Kurz und Co. die Unterschiede zwischen einer Posaune und einem Tenor plus allerlei weitere musikalische Details erklärte. Ganz ohne Arroganz, ganz ohne Forderungsdruck.
Die Wiener hörten sich das alles an und reagierten entsprechend – anders als in Deutschland, erst recht in Bayern. Die Politiker gaben dabei nicht nur die Musenfreunde, auch knallharte ökonomische Überlegungen standen hinter der Öffnung. Nach Österreich fährt man wegen der Berge, der Seen – und eben wegen der Kultur. Und die Festspiele traten 2020 mit ihrem Rumpfprogramm den Beweis an: Kultur macht nicht krank. Obwohl noch keine einzige Ampulle Impfstoff verpiekst werden konnte, gab es keine einzige Infektion. Und was tat die europäische Politik, als die nächste Covid-Welle nahte? Sperrte alle Säle, Theater- und Opernhäuser wieder zu.
Im Frühjahr 2021, mitten im Abebben der dritten Welle, unternahm Salzburg einen erneuten Anlauf. Die Pfingstfestspiele klappten schon einmal. Und für den Sommer wurde der Vorverkauf gestaffelt. Immer wieder wurde ein neues Kartenkontingent auf den Markt geworfen, bis aus dem Bundeskanzleramt Ende Mai die erlösende Nachricht kam: Ihr dürft alle Tickets absetzen. Was dazu führte, dass am 7. Juni der Kartenserver zusammenbrach. Ein Umsatz von 1,2 Millionen Euro an einem Tag, das gab’s noch nie.
„Auch ich wurde immer wieder von Mitarbeitern gefragt: Jetzt sagen sie uns endlich, ob wir spielen?“, erzählte Präsidentin Helga Rabl-Stadler neulich im Interview. „Kinder, ich habe doch keine Glaskugel! Die Pandemie ist der Regent, und wir müssen uns durch kluge Strategien die Handlungsfreiheit immer wieder zurückerkämpfen.“ Ganz besonnene Geschäftsfrau, rechnet sie mit einer Gesamtauslastung von 80 Prozent. Die Menschen sind vorsichtig geworden. Außerdem, und das ist ein Einschnitt für Salzburg, fallen die US-amerikanischen und asiatischen Kulturtouristen so gut wie weg. Und dennoch: Sollte sich wie im vergangenen Jahr herumsprechen, dass man sich Anna Netrebko, Christian Thielemann und Igor Levit ohne Gefahr aussetzen kann, dürfte während der 46 Festspieltage der Verkauf nochmals anziehen.
168 Veranstaltungen sind geplant. Manches ist schon ausverkauft. Die Neuproduktion von Mozarts „Don Giovanni“ mit dem so genialischen wie umstrittenen Dirigenten Teodor Currentzis. Oder Schillers „Maria Stuart“ mit Bibiana Beglau und Birgit Minichmayr als sich aufs Tödliche bekämpfende Königinnen. Und natürlich Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ mit dem neuen Paar Lars Eidinger (Titelrolle) und Verena Altenberger (Buhlschaft), für das der brave Regisseur Michael Sturminger seine noch bravere Inszenierung überarbeitet hat. Vor 101 Jahren hatte mit dem „Jedermann“ in Salzburg alles begonnen. Weil jedoch das Virus 2020, zum 100. Festival-Geburtstag, die Laune gründlich verdorben hat, wird heuer einfach weitergefeiert. Auf den Fahnen und Logos prangt noch immer „100 Jahre Salzburger Festspiele“.
Deshalb steigt auch an diesem Sonntag ein großes Fest in der gesamten Altstadt. Im Spielzeug-Museum dürfen Kinder ihr eigenes kleines Theater bauen. Wer will, darf 190 Stufen nach oben steigen und sich die Geheimnisse des Glockenspiels am Mozartplatz zeigen lassen. Masken werden gebastelt, Proben geöffnet, bevor es am Abend sehr ernst wird. Erstes Konzert der Festspiele ist Brittens „War Requiem“: Auch im Feierjahr, (vorübergehend?) befreit von Corona-Ängsten, soll man sich an die weltweiten Kriege erinnern.
Wer in die Theater und Säle will, trifft seit den Pfingstfestspielen auf das freundliche, in blaue Anzüge und Kleider gewandete Kontrollpersonal. Mit geübtem Blick wird das Datum der Zweitimpfung registriert und der Name auf der personalisierten Karte mit Ausweis oder Pass verglichen. Sehr schnell geht das, vor den Eingängen staut es sich kaum mehr als sonst.
Masken müssen nicht mehr getragen werden. „Aber wir wollen ein bisschen vorsichtiger sein als die allgemeinen Vorschriften und empfehlen, beim Hinein- und Rausgehen Mund-Nasen-Schutz zu tragen“, sagt Helga Rabl-Stadler. Immerhin sind die Buffets wieder geöffnet, mit Schampus und Häppchen wird Salzburg also nicht nur zum Genuss für den Geist. Aufs Bussi-Bussi dürfte die Gala-Gemeinde allerdings verzichten, Frau Präsidentin macht’s vor: „Ich umarme nicht mal meine eigenen Kinder.“