KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER* Die Kinder Courage

von Redaktion

Mutter Courage, Bert Brechts Theater-Heldin, glaubt, dass sie in der Nähe von Gewalt und Hass ein Geschäft machen kann. Sie zieht zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit wechselnden Heerestruppen durch die Lande. Den Frieden fürchtet sie um ihres Einkommens willen – und verliert am Ende das Kostbarste, was sie hat: ihre drei Kinder. Brecht konfrontiert mit Verrohung der Sitten, mit Zynismus und fragt nach Anstand, Moral und Menschlichkeit.

Heute fragen die Kinder Courage nicht lange. Sie kämpfen friedlich um eine Kultur des Hinschauens. Darum, dass Diskriminierung, Hass und Gewalt endlich verschwinden. Seit einem Vierteljahrhundert gibt es das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Gegründet wurde es von einem Trägerverein, dem Bürgerinitiativen, Menschenrechtsgruppen, Vereine und Einzelpersonen angehören. Wer Mitglied beim Netzwerk werden will, muss sich bewerben – und zwar richtig mit Elan. Die Zustimmung von mindestens 70 Prozent derer, die an einer Schule lernen und arbeiten, braucht es, um den Titel führen zu dürfen.

Die Initiatoren möchten, dass eine Schule wirklich hinter dem Programm steht und nicht bloß Phrasendrescherei betreibt. Denn Diskriminierung ist herbe Realität – sogar für Fußballspieler, wie die EM gezeigt hat. Für alle, die anders sind, als manche das für gut halten. Für Schüler und Schülerinnen, die scheinbar nicht ins Bild passen und gemobbt werden.

„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“: In der Bundesrepublik sind rund 3500 Schulen dabei, darunter 705 in Bayern. Mehr als zwei Millionen Schüler und Schülerinnen beteiligen sich. Es gibt Bundes-, Landes- und Regionalkoordinatoren. Und über 1200 Patinnen für die jeweiligen Schulen. Die jüngst verstorbene Esther Bejarano, Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sowie des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, war Patin von gleich mehreren Courage-Schulen.

Die couragierten Schulen haben sich was vorgenommen. Unter den Paten sind Namen wie Jérôme Boateng, Josef Schuster, Karl-Heinz Rummenigge, Ilse Aigner, Feine Sahne Fischfilet, Günther Beckstein, Carolin Kebekus, Romani Rose, der 1. FC Nürnberg, Katharina Schulze, KfZ-Meister, der Bundespräsident, Michael Altinger, Rapperinnen, der Landtagsabgeordnete Klaus Adelt und Ministerinnen.

Seit letztem Mittwoch darf ich mich auch Patin nennen. Denn das jüngste Mitglied im Netzwerk ist das Camerloher Gymnasium in Freising, das mich dazu berufen hat. Ich habe sofort Ja gesagt. Die Newcomer setzen sich schon lange für Menschenfreundlichkeit ein und für ein Leben, in dem die Würde jedes und jeder Einzelnen zählt. Die Kinder Courage: Es muss einem um die Welt nicht bange sein.

* Susanne Breit-Kessler, ehemalige Regionalbischöfin für München und Oberbayern, ist Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates

Artikel 8 von 11