Ampermoching – Bäckermeister Thomas Polz aus Ampermoching hat gestern eine Auszeichnung an das Dachauer Landratsamt zurückgegeben. Er und seine Familie waren für ihre Integrationsarbeit ausgezeichnet worden. In dem Familienbetrieb werden seit vielen Jahren Geflüchtete eingestellt und ausgebildet (wir berichteten). Viele von ihnen hat Polz über Nacht verloren, weil sie trotz Ausbildung abgeschoben wurden oder ihnen plötzlich die Arbeitserlaubnis entzogen wurde. Und am Dienstag ist das erneut passiert. Die Auszeichnung ist für ihn nichts wert, wenn die Behörden ihm ständig die Mitarbeiter nehmen.
Diesmal geht es um Moussa Nomoko aus Mali. Er hatte in einer Bäckerei in Petershausen die Ausbildung gemacht. Die praktische Prüfung meisterte er mit Bravour, an der theoretischen scheiterte er zweimal. „Viele Geflüchtete tun sich in der Berufsschule eben sehr schwer“, sagt Polz. Er hat es schon oft erlebt, dass junge Leute, die hervorragende Bäcker oder Konditoren waren, wegen Fächern wie Sozialkunde nicht bestanden haben. Auch bei Nomoko war es so. Ohne Abschluss keine Ausbildung. Polz stellte ihn trotzdem bei sich ein. „Er ist eine super Fachkraft“, sagt er. „Fleißig, zuverlässig.“ Drei Jahre lang arbeitete er in der Ampermochinger Bäckerei – Polz war froh, denn Fachkräfte zu finden ist in seiner Branche schwer.
Gestern Morgen war der erste Tag, an dem Nomoko unentschuldigt nicht zur Arbeit erschien. Thomas Polz wusste bereits, wieso. Der Asylhelfer Raimund Popp, der den 27-Jährigen seit Jahren betreut, rief ihn am Dienstag völlig aufgelöst aus dem Landratsamt an. Er hatte Nomoko zu einem Termin dorthin begleitet – und musste zuschauen, wie er in Handschellen von Polizisten abgeführt wurde. Er ist noch nachts nach Mali abgeschoben worden. Popp durfte ihm noch ein paar private Sachen holen. Die Hand zum Abschied geben durfte er ihm nicht.
Nomoko war in Deutschland nur geduldet. Er hat seinen Pass beschafft, um bei der Identitätsklärung mitzuwirken. Das hat es allerdings auch leichter gemacht, ihn abzuschieben. Mali gilt als sicheres Herkunftsland. Dass Nomoko eine Wohnung hatte, die ihm Bäcker Polz organisiert hatte, und für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen konnte, spielte keine Rolle. Er kann nun von Mali aus einen Antrag für ein Arbeitsvisum stellen und – sollte es genehmigt werden – auf eigene Kosten zurückkommen. Dafür braucht er aber erst mal viel Geld.
Und Thomas Polz muss in jedem Fall erst mal ohne ihn auskommen. „Ich habe gestern einen Mitarbeiter reinbestellt, der eigentlich frei gehabt hätte“, berichtet er. Auch die kommenden Tage und Wochen werden die anderen Mitarbeiter in seinem Team auffangen müssen, dass Nomoko nicht mehr da ist. Es ist nicht das erste Mal. Trotzdem gibt Polz immer wieder Flüchtlingen eine Chance. Aus Menschlichkeit, betont er. Und weil er dankbar ist um jeden, der seinen Beruf lernen will.
Auch außerhalb der Backstube schlägt der Fall hohe Wellen. Der Hebertshauser Bürgermeister Richard Reischl schrieb Landrat Stefan Löwl (beide CSU) eine deutliche Mail. „Wo wäre das Problem gewesen, für Moussa, während er hier arbeitet und lebt, nach dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz eine Bewilligung einzuholen?“, fragt er. Auch der Dachauer Asylhelfer Peter Barth war fassungslos. Er wäre für sein jahrelanges Engagement ausgerechnet gestern ausgezeichnet worden – und verzichtete. „Sie werden das verstehen“, schrieb er an Landrat Löwl (CSU) per E-Mail. „Diese Abschiebung und mein freiwilliges Engagement passen nun wirklich nicht zusammen.“
KATRIN WOITSCH CHRISTIANE BREITENBERGER