Memmingen/München – Noch im Gerichtssaal nahm bei Christiane Renz die Vorfreude überhand. „Die Schuhe stehen parat“, sagte die Allgäuerin mit Blick auf den nächsten Fischertag. „Dann wird pünktlich am Bach gestanden und reingejuckt.“ Jahrelang war Renz das „Jucken“, das jährliche Ausfischen des Stadtbachs in Memmingen mit Tausenden Zuschauern, vom eigenen Verein verwehrt worden – weil sie eine Frau ist. Gestern urteilte das Memminger Landgericht: Die Teilnahme darf nicht aus Tradition Männern vorbehalten bleiben.
Dieses „Sonderrecht“ für männliche Mitglieder in der Satzung des Vereins sei „nicht mehr gerechtfertigt“, sagte der Vorsitzende Richter Konrad Beß. Vereine dürften zwar grundsätzlich die Regeln für eine Teilnahme frei festlegen. Doch wenn sie Mitglieder dabei unterschiedlich behandeln, müsse dies mit dem Zweck des Vereins begründbar sein. Das Brauchtums-Fischen in Memmingen sei aber „keine absolut getreue Nachbildung“ eines historischen Geschehens. Daher könnten Frauen teilnehmen, ohne dass das Ziel der Heimatpflege in Gefahr gerate. Beim Fischertag springen die Teilnehmer jedes Jahr im Sommer in den Memminger Stadtbach und holen Forellen aus dem Wasser. Wer den größten Fisch fängt, wird Fischerkönig. Das Urteil könnte nun Auswirkungen auf andere Männertraditionen haben. Das Verfahren sei „über den Einzelfall hinaus für die Allgemeinheit von besonderer Bedeutung“, sagte Beß.
Gebirgsschützinnen – die kann sich Martin Haberfellner, Landeshauptmann der Bayerischen Gebirgsschützen aus Kochel (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), nun gar nicht vorstellen. Dass sich im Nachklang des Urteils Frauen bei den Kompanien melden könnten, hält er aber auch nicht für ausgeschlossen. „Sorgen macht mir das nicht. Aber ich hoffe es auch nicht“, sagt er. Haberfellner macht kein Geheimnis daraus, dass Frauen bei den „Kampftruppen mit Säbel und Gewehr“ nicht erwünscht sind. Als Musikerinnen in den Spielmannszügen und Marketenderinnen indes seien sie willkommen. Auch als fördernde, passive Mitglieder und Aktive bei den Sportschützen-Abteilungen machen Frauen mit. Haberfellner räumt ein, dass die gesellschaftliche Entwicklung weitergeht. Aber bei den Gebirgsschützen-Kompanien gehe es „um das Abbilden einer Tradition“. Die Gebirgsschützen seien nun einmal ausschließlich wehrhafte Männer gewesen. Frauen mit Gewehr und Säbel – für Haberfellner passt das nicht. „Das kommt mir vor, als wenn man bayerische Weißwurst mit italienischem Landbrot und Kapernsoße kredenzen würde.“ Er zieht es vor, mal das ein und mal das andere zu kosten.
Die Gebirgsschützen haben in Bayern 12 000 Mitglieder, die Anzahl der Frauen ist nicht bekannt. Aber es gibt etwa im Isarwinkel Kompanien ganz ohne Frauen: in Gaißach, Wackersberg und Benediktbeuern. Sollte die Justiz die Aufnahme von Frauen verfügen, „ich glaub, dann wär’s gscheiter, wir hören auf“. Man könne das machen mit den Frauen, sagt er, „aber das ist dann ein ganz anderer Verein“.
Der 152 Jahre alte katholische Männerverein Tuntenhausen (Kreis Rosenheim) ist der Inbegriff eines traditionellen Männer-Bundes in Bayern. Vorsitzender Marcel Huber, CSU-Landtagsabgeordneter, verrät, dass es durchaus Überlegungen gibt, Frauen aufzunehmen – „und das wird auch stärker, weil sich die Lebenswirklichkeit in den Familien verändert“. Aber ein historisch gewachsenen Männerverein „tut sich hart, sich nach 150 Jahren umzufirmieren“. Grundsätzlich gelte: „Wir freuen uns über jede Frau, die zu unseren Veranstaltungen kommt.“ Aber als Mitglied oder vielleicht sogar im Vorstand – so weit ist der Verein (noch) nicht. Da tun sich die Herren schwer – „wie es auch eine Frauengemeinschaft mit 150 Jahren Geschichte täte, Männer aufzunehmen“. Dass Frauen nicht Mitglied sein können bisher, sei halt „historisch gewachsen“. Huber hält das nicht für diskriminierend. Insofern sieht er das Memminger Urteil gelassen.
Auch der Bayerische Landesverein für Heimatpflege mahnt zur Gelassenheit. Die Annahme, dass sich Bräuche nicht verändern würden oder dürften, sei ein historisches Missverständnis, sagt der Referent des Fachbereichs „Brauch, Tracht, Sprache“, Michael Ritter. Bräuche und Traditionen böten auch die Chance, Gesellschaft neu zu denken: „Wir müssen nur erkennen, dass in der Veränderung kein Verlust liegt – sondern ein Gewinn.“
Ob nun beim Fischertag in Memmingen Frauen gleichberechtigt teilnehmen dürfen, ist mit dem gestrigen Urteil aber noch nicht endgültig entschieden. Das Landgericht ließ wegen der Bedeutung des Falls die Möglichkeit zur Revision am Bundesgerichtshof in Karlsruhe zu. Der Verein wird das nun prüfen.