München – Sie sind Münchner, aber doch Angehörige einer Minderheit. Auf einer Postkarten-Aktion der Stadt zeigen acht Sinti und Roma ihr Gesicht und erzählen von sich. Die Kampagne wendet sich gegen Rassismus im Alltag.
München ist seine Heimatstadt. Die Familie von Johann Rottegger lebt seit fünf Generationen hier. Seine Freunde nennen ihn liebevoll den „Onkel Hansi“, verrät der 67-Jährige. Am Dialekt hört man es gleich: Rottegger ist ein Münchner Original, aber auch gerne ein Rom und stolz auf seine Identität. Groß geworden ist er im Schlachthofviertel, mit „unbeschwerter Kindheit“, wie er am Montag im Rathaus erzählt. „Offenen Rassismus“, sagt Rottegger, habe er selten erlebt.
Doch seit etwa zwei Jahrzehnten sei die Stimmung etwas gekippt. Es ist auch die Zeit, in der er eine neue Wohnung bezieht und plötzlich in seinem Briefkasten einen Zettel findet, auf dem steht: „Zigeuner zurück nach Rumänien.“ Johann Rottegger ist traurig über ein „nach rechts abdriftendes politisches Klima“ und ärgert sich über jene Partei, die Ausländerfeindlichkeit „salonfähig macht“. Doch Rottegger betont im selben Atemzug: „Wir haben viele gute Seelen in Deutschland, die uns unterstützen.“ Wenn er durch die Stadt fahre, genieße er es, „wie bunt und vielfältig sich München anfühlt“.
Rom zu sein, bedeute für ihn, frei zu denken und ein freier Mensch zu sein. Johann Rottegger war Bürokaufmann und Taxifahrer. Doch seine Leidenschaft galt immer der Musik. In seinem Rentnerdasein arbeitet er als Musiklehrer für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen.
Zusammen mit Rottegger – aus dessen Familie mehr als 30 Menschen in den NS-Konzentrationslagern ermordet wurden – haben sieben weitere Sinti und Roma, Frauen und Männer verschiedener Altersklassen, der Kampagne ein Gesicht gegeben. Laura (31) zum Beispiel, sie will ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen, ist eine Romni und vor sechs Jahren aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Sie sagt: „Wir sind Menschen wie du und ich.“ Sie verbinde mit der Aktion die Hoffnung auf mehr Toleranz und Verständnis für Minderheiten in der Gesellschaft.
Auch sie selbst habe Diskriminierung erfahren – aufgrund ihrer Herkunft und ihrem dunklen Teint. Aber sie fühle sich mittlerweile sehr wohl in München und habe auch beruflich Karriere gemacht. „Man kann immer etwas erreichen, wenn man wirklich daran glaubt“, sagt Laura.
Dass der Startschuss für die Kampagne gestern fiel, war von der städtischen Fachstelle für Demokratie bewusst terminiert. Der 2. August ist Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sint*izze und Rom*nja. Laut Miriam Heigl, Leiterin der Fachstelle, ist Antiziganismus in der Gesellschaft noch immer weit verbreitet. Dies belegten Studien. Etwa das Vorurteil, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigten. Die historische Erfahrung der Ausgrenzung und der Verfolgung sei bei vielen stark ausgeprägt.
Die Botschaft der Kampagne: „Die Münchner Sinti und Roma sind ein fester, vielfältiger und selbstverständlicher Bestandteil der Stadtgesellschaft“, sagt Heigl und fügt an: „Wir wollen Vorurteile abbauen und Begegnungen ermöglichen.“
Wie viele Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe in der Landeshauptstadt leben, ist statistisch nicht erfasst. Der Sozialarbeiter Alexander Adler, selbst Sinto, geht von mindestens 70 000 aus. Adler erklärt bei der Pressekonferenz: „Es gibt kaum ein Land oder kaum eine Stadt, wo es uns so gut geht wie in München.“ Dennoch werde man im Alltag oft als „Exot“ angesehen. In dieser Hinsicht müsse ein Umdenken einsetzen.
Insgesamt 50 000 Postkarten hat die Stadt für die Kampagne drucken lassen. Sie werden unter anderem in Kneipen und unterschiedlichen Münchner Kultureinrichtungen ausgelegt. Auch auf den Social-Media-Kanälen der Stadt ist die Kampagne zu finden, in den U-Bahnen werden Videospots gezeigt. Zwischen dem 10. und dem 23. August sollen überdies die Postkarten-Motive mit den acht Protagonisten großflächig in der Stadt plakatiert werden.
2018 hatte die Fachstelle für Demokratie eine ähnliche Initiative unter dem Motto „Ich bin Münchner – ich bin Muslim“ gestartet.