Garmisch-Partenkirchen – „Der normale Vogelfreund beobachtet“, sagt Einhard Bezzel. Der 87-Jährige, Vater des Schauspielers Sebastian Bezzel (Polizist Franz Eberhofer in den Romanverfilmungen der Krimis von Rita Falk) ist so ein Vogelfreund, war es sein ganzes Leben lang. Gerade sitzt er in seinem winzigen Arbeitszimmer in seiner gemütlichen Wohnung in Garmisch-Partenkirchen.
Dort klettern an allen vier Wänden Bücherregale bis zur Decke hinauf – gefüllt mit Vogelbüchern, natürlich. Das Fenster ist frei geblieben, mit Blick auf die Bäume; und Platz für eine Pinnwand mit etlichen Namensschildchen, auf denen der Name „Bezzel“ prangt. Er sitzt am Schreibtisch, vor sich ein kleines, vollgekritzeltes Notizbuch. Damit erklärt er, wie man Vögel beobachtet – und zählt. „Das systematische Vogelzählen gibt es schon lange“, sagt er. „Doch dafür braucht man viel Übung.“ Bezzel hat sie.
Seine ersten Beobachtungen machte er mit 16 Jahren, 1950. Damals hat er am Ismaninger Speichersee (Kreis München) einen Stelzenläufer entdeckt. „Der war damals eine Sensation“, erklärt Bezzel. „Da hat’s mich gepackt.“ Jedes Wochenende fuhr er mit dem Fahrrad von Schwabing an den Speichersee, sommers wie winters. Das kann er genau nachprüfen, denn er besitzt das Tagebuch von 1950 noch. Wie alle anderen Tagebücher, die er Jahr um Jahr gefüllt hat. „Ich habe in meinem Leben offenbar nicht viel anderes getan“, sagt er scherzhaft.
Denn natürlich hat er noch anderes getan. Er hat studiert, unter anderem Biologie, und wurde Lehrer am Gymnasium, hat geheiratet und Kinder bekommen, und wurde 1966 als Leiter an die Staatliche Vogelschutzwarte in Garmisch-Partenkirchen berufen. So wurde er zum gefragten Experten, hielt Vorträge, schrieb Fachartikel und Bücher.
Vor über 20 Jahren wurde er pensioniert – und hatte damit endlich genug Zeit für ausgeklügelte Beobachtungsprogramme: seine Spaziergänge. Zum Beispiel jeden Monat achtmal spazieren gehen, immer dieselbe Strecke, immer zur selben Tageszeit, mit dabei das kleine Notizbuch. Es ist gefüllt mit Zahlen und Symbolen. Da steht: Tag, Monat, Jahr, Tageszeit, dann die Artennummer. 23 steht etwa für die Kohlmeise, es folgen die Symbole für gesehen, gehört oder singend. „Man könnte jetzt sagen, das wird vielleicht langweilig“, sagt Bezzel. „Aber je länger man es macht, desto interessanter wird es. Man erlebt immer ein kleines Abenteuer.“
Mit diesen Abenteuern ist es nun leider vorbei. Aus gesundheitlichen Gründen kann Bezzel seit einiger Zeit nicht mehr raus. Also sitzt er jeden Tag in seinem Arbeitszimmer – am Computer. Bezzel deutet per Maus auf den Flachbildschirm. Dort ist eine wissenschaftliche Studie zu sehen, perfekt formatiert, samt Fußnoten und Grafiken. Etwa eine Grafik zum Gartenläufer. Noch in den 1970er-Jahren kam er in Garmisch-Partenkirchen gar nicht vor; dann tauchte er plötzlich auf, wahrscheinlich eine Folge des Klimawandels, vermutet Bezzel: 2015 zählte er 140 Stück. Doch dann gingen die Zahlen wieder zurück: 2020 waren es nur noch 25 Stück. „Nun lautet die Frage: Warum?“ Vermutlich, weil nun die Bäume verschwinden. Bezzel hat auch über sie Daten gesammelt, in einer Tabelle steht: 599 gefällt, 46 nachgepflanzt. Erschreckende Zahlen. Wie alle Daten rund um den Artenschwund. „Es verschwindet enorm viel“, sagt Bezzel. „Und damit vielleicht auch Dinge, die viel wichtiger sind für uns, als wir das bisher wissen.“
Doch Bezzel erkennt auch an, dass sich die Gesellschaft verändert: „Es gibt heute mehr Menschen, die der Natur zugeneigt sind, als früher.“ Zum Beispiel die Vogelfreunde. Die werden immer mehr, sagt Bezzel. „Birdwatching“ sei beliebt, oder auch „Bird Races“: Dabei gewinnt derjenige, der am meisten Vögel zählt. Bezzel muss über solche Hobbys ein wenig schmunzeln. Doch er findet es auch gut, dass sich Wissenschaft und Leidenschaft annähern. Er selbst hat stets versucht, die Lücke zwischen den Experten und den „normalen“ Leuten da draußen zu schließen, auch mit seinen Büchern. Sein jüngstes wurde erst letztes Jahr veröffentlicht: „Vögel – was Sie schon immer fragen wollten.“
Bezzel weiß, was die Leute wissen wollen, weil er über seinen Computer mit der gesamten ornithologischen Welt da draußen eng verbunden ist. Er kennt die wichtigsten Internetseiten und Foren und hält mit Kollegen per E-Mail Kontakt. Langweilig wird ihm nie. Es gibt so viel zu tun, zu schreiben, auszuwerten. „Freilich ist es traurig, dass ich nicht mehr raus gehen kann“, sagt Bezzel. „Aber nun kann ich von den Jahrzehnten der eigenen Forschung leben.“