Kässpatzen in der Kirche

von Redaktion

VON MERLE HUBERT

München – Obwohl es draußen regnet, herrscht in der St. Anton Kirche eine wohlige Atmosphäre. Kerzenschein taucht den imposanten Kirchenraum in warmes Licht. Vor den langen Reihen mit alten Holzbänken zieht der Altar im Chorraum die Blicke auf sich. Doch noch etwas fällt ins Auge: direkt gegenüber vom sogenannten Tisch des Herrn sind Tische und Stühle aufgestellt. Es duftet nach Essen und Stimmengewirr liegt in der Luft.

Fröhlich plaudernd sitzen dort Frauen und Männern jeden Alters über ihren dampfenden Teller zusammen. Daneben ist eine provisorische Küche aufgebaut mit mehreren großen Kühlschränken, Öfen, einer Essensausgabe sowie einer Tee- und Kaffeetheke. Freundlich überreicht Yvonne Möller jedem eine warme Portion Kässpatzen, dazu Besteck und einen Keks als Nachtisch. Die 50-Jährige ist Sozialpädagogin und die Leiterin des Projekts. „Guten Morgen“, grüßt sie die Gäste. Ein Helfer bietet Kaffee an. Dankbar nehmen die Menschen das heiße Getränk entgegen.

Etwa 200 Bedürftigen bietet die Pfarrkirche St. Anton in München täglich von 11 bis 14 Uhr eine warme Mahlzeit. Das Leuchtturmprojekt wird seit Ende Dezember von der Erdiözese München und Freising finanziert. Durch die Corona-Krise haben sich Armut und Obdachlosigkeit auch im wohlhabenden München verschärft. „Die Not der Menschen wird immer größer – aber auch die Einsamkeit“, sagt Yvonne Möller besorgt.

Aus dieser Beobachtung entwickelte sich das Projekt: Andrea Thiele, Leiterin des Caritas-Ressort im Erzbischöflichen Ordinariat (EOM), kam auf die Idee, in der Kirche eine Essensausgabe einzurichten. „Der Andrang war von Anfang an sehr groß und eine lange Schlange zog sich durch den gesamten Kirchenraum“, erzählt Yvonne Möller. Schon ab 10 Uhr morgens trudeln die ersten Gäste ein und warten, bis die Öfen das Essen aufgewärmt haben. „Vor allem viele ältere Menschen, die von ihrer Rente nicht leben können, kommen – aber auch Obdachlose und andere Bedürftige, für die sich die Lage durch Corona verschlimmert hat“, schildert sie.

Wegen der Pandemie konnte das Essen anfangs nur zum Mitnehmen ausgegeben werden. „Das war langfristig keine Lösung, weil es draußen sehr kalt war. Dazu kommt, dass die meisten Menschen sehr einsam sind. Wir haben Räume und wollen sie auch teilen“, sagt Stadtpfarrer Bernd Kober bestimmt. Dass die Kirche St. Anton nur für Gottesdienste genutzt wird, leuchtet dem Kapuziner-Bruder nicht ein. „Jeder soll unser Gast sein und sich willkommen und aufgehoben fühlen.“

Seit wenigen Wochen dürfen nun endlich Tische im Kirchenraum aufgestellt werden, an denen die Menschen gemeinsam essen und sich unterhalten können. „Die Menschen haben sich riesig gefreut. Es ist das erste Mal, dass eine Kirche für solche Zwecke verwendet wird“, erzählt die Projektleiterin. Bruder Bernd Kober ergänzt: „Bisher hat sich niemand über die Küche oder die Tische beschwert.“ Es gab höchstens ein paar verwunderte Blicke anderer Besucher. „Wir haben uns getraut, Grenzen zu überschreiten und etwas Neues geschaffen“, sagt er stolz.

Die meisten Bedürftigen kommen täglich. „Mit der Zeit ist große Vertrautheit gewachsen“, sagt Möller. „Wir sind wie eine Familie und füreinander da.“ Die Bedürftigen erwartet nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern auch immer ein offenes Ohr. „Heute Morgen hat mir ein Mann erzählt, dass er endlich einen Job gefunden hat. Er hat übers ganze Gesicht gestrahlt“, freut sich die Projektleiterin. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl helfen zu können. Die Menschen sind unglaublich dankbar.“

Insgesamt 30 Freiwillige zwischen 17 und 80 Jahren helfen bei der Ausgabe der Mahlzeiten. Maria, Anfang 20, lebte früher selbst auf der Straße und kam regelmäßig zur Essensausgabe. Dort bekam sie Hilfe und fand schließlich eine eigene Wohnung. Kardinal Reinhard Marx zahlte die Kaution. Nun kann sie etwas zurückgeben und hilft weiterhin tatkräftig als Freiwillige.

„Ich wünsche mir sehr, dass die Essensausgabe weiterhin so gut angenommen und unterstützt wird“, sagt Yvonne Möller. „Wir freuen uns über jede Spende. Auch dank Kardinal Reinhard Marx flossen viele Mittel in das Projekt, wie zum Beispiel die Gelder für den ausgefallenen Sommerempfang des vergangenen Jahres.“

Die St. Anton Kirche soll auch für andere Gemeinden ein Vorbild sein. „Der Bedarf ist groß“, sagt Bernd Kober mit Nachdruck. „Gerade zu Zeiten der Krise müssen wir zusammenhalten.“

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