Grafrath – Lauthals schluchzt die Tochter von Luise S. ins Telefon. „Mama, hilf mir. Ich hatte einen Autounfall und eine Frau ist gestorben.“ Dann sagt sie: „Ich gebe dich an einen Polizisten weiter.“ Zu dem Zeitpunkt ahnt Luise S. aus Grafrath (Kreis Fürstenfeldbruck) noch nicht, dass das am Telefon gar nicht ihre Tochter war. „Es klang so real“, sagt die 59-Jährige eine Woche, nachdem sie Opfer eines „Schockanrufes“ wurde.
Die Frauenstimme ordnete Luise S. wegen der hysterischen „Mama“-Rufe sofort ihrer Tochter zu. „Caroline, wo bist du? Ich komme zu dir!“, rief sie in den Hörer und zog sich schon die Schuhe an. Erst als der vermeintliche Polizist am Telefon ihr Geburtsdatum wissen wollte und ob sie alleine zu Hause sei, wurde sie stutzig.
Erst im Mai fielen im Kreis Rosenheim wieder drei Rentner auf Betrüger herein. Die Schadenshöhe lag im hohen fünfstelligen Bereich. Und insgesamt steigt die Zahl solcher Schockanrufe: 2019 registrierte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd 905 versuchte Betrugsfälle im Bereich „falscher Polizist“. 2020 waren es 1241, sodass die Täter allein in Martin Emigs Zuständigkeitsbereich 581 000 Euro ergaunerten.
Als Polizeihauptkommissar des Polizeipräsidium Oberbayern Süd kennt er die Fälle genau: „Die Täter sind perfide, die Maschen rotzfrech.“ Die Callcenter, die die Anrufe steuern, liegen in Polen, in der Türkei und auf dem Balkan. Die Betrüger manipulieren die Nummer so, dass eine lokale Vorwahl zu sehen ist. Das ist illegal, nennt sich Callspoofing und wird über das Internet abgewickelt, um die wahre Identität des Anrufers zu verschleiern.
„Es meldet sich eine falsche Tochter, ein Enkel, ein Polizist oder Staatsanwalt“, sagt Emig. „Dieser falsche Polizist erzählt dem Opfer etwa, er habe eine Adressenliste von Einbrechern sichergestellt, auf der auch seine stehe. Zur Sicherheit würde er nun Bargeld verwahren, bis die Diebe geschnappt sind“, erklärt er eine von zig Varianten. Die Zielgruppe der Täter sei klar: „Sie durchforsten Telefonbücher nach kurzen Nummern und alten Namen wie Hans oder Rudolf.“ Dann erzählen sie eine erfundene Geschichte und horchen ihr Opfer gezielt aus. Wie viel Bargeld haben Sie? Haben Sie Schmuck? Wie lautet Ihre Kontonummer? Sind Sie allein daheim?
„Für die Opfer ist es eine Stresssituation“, sagt Emig. „Sie glauben, dass ein Angehöriger in Not ist oder sie selbst von Kriminellen bedroht sind.“ So überweisen sie hohe Geldsummen – mutmaßlich als Kaution oder Schadensersatz. Oft vereinbaren die Täter auch Treffpunkte, an denen das Geld an einen Boten übergeben wird. „Weil Banken für die Masche schon sensibilisiert sind, wird auch oft nach Bargeld gefragt“, sagt Emig. „Viele ältere Menschen haben ja bar bis zu 100 000 Euro daheim.“ Seine Angehörigen sollte man regelmäßig auf die Betrugsmasche hinweisen und über die Taktik der Täter aufklären, rät Emig. „Wir als Polizei fordern am Telefon kein Geld. Wir kommen im Ernstfall persönlich vorbei, in Uniform und mit Dienstausweis“, so der Polizeihauptkommissar. „Außerdem gilt: Auflegen und den Notruf wählen, wenn man einen solchen Anruf erhält. Wer in der Leitung bleibt und dort 110 wählt, bleibt Teil des Spiels. Die Betrüger verbinden einen mit einem zweiten falschen Polizisten – oder rufen mehrmals zurück“, sagt Emig.
Der Polizist wollte auch Luise S. zurückrufen. Doch sie kam ihm zuvor und rief die Polizei. Emig zufolge die einzig richtige Reaktion. Aber obwohl Luise S. so besonnen gehandelt hat, steckte ihr der Schock noch lange in den Knochen. „Das Gedankenkarussell hat sich natürlich weitergedreht.“