Seeshaupt – Zielsicher wandert Reinhard Mauritz zwischen Wurzeln, Bäumen und Sträuchern die Ach entlang, dem Verbindungsflüsslein zwischen den beiden großen Gewässern Starnberger See und den Osterseen. An einer Stelle macht der 72-Jährige schließlich halt: „Alles, was an Fischen aus dem See hinauf schwimmen will, hat hier seine Endstation“, sagt er vorwurfsvoll und deutet auf das Wehr einer alten Mühlen-Ruine, durch welches das Wasser sprudelt.
Das Herz des Rentners aus Seeshaupt (Landkreis Weilheim-Schongau) schlägt für die Fische. Das beweist schon ein Blick auf seine Visitenkarte: Ein Hecht ziert das edle Stück. Bereits seit zwölf Jahren kämpft der 72-Jährige für eine fischfreundliche Verbindung zwischen den beiden Gewässern. Die Fische, die zum Laichen vom Starnberger See in die Osterseen ziehen wollen, schwimmen wegen des Wehrs buchstäblich gegen die Wand. Darum legen sie gezwungenermaßen an Ort und Stelle ihre Eier, wo sie von Schwänen, Enten und anderen Tieren größtenteils sofort gefressen werden, bedauert Mauritz. Nach und nach sterben diese Fischarten deshalb aus, die örtlichen Fischer würden sich bereits über zu wenig Fressfische beschweren, sagt er.
Dieses Schicksal trifft unter anderem die Mairenke, die der Landesfischereiverband zum bayerischen Fisch des Jahres gekürt hat. Aber auch viele andere Fischarten versuchen im Frühjahr erfolglos, die Osterseen zu erreichen. Dabei schnellen unzählige Tiere gleichzeitig gegen den Strom aus dem Wasser, um über die Wasserfälle nach oben zu gelangen. „Das ist ein riesiges Naturschauspiel, wie bei den Lachsen in Kanada“, sagt Mauritz.
Der 72-Jährige kam im Frühling drei Monate lang täglich, um die Fische an jener Stelle zu zählen. Rund 3500 Stück gelangten in dieser Zeit an den oberen Teil des Gewässers. Nur 30 davon schafften es dank einer kleinen Fischtreppe in die Osterseen. Denn die reißende Strömung des Wehrs lockt die Tiere in die falsche Richtung. „Die Wirksamkeit dieser Treppe ist gleich null, die war von Anfang an ein alter Hut“, so Mauritz. Deswegen möchte er, dass das „komplett nutzlose Wehr“ entfernt wird, zusammen mit dem kleinen Damm, damit am Ende wieder ein natürlicher Fluss entsteht. Dafür kämpft der Seeshaupter, seit er 2008 zum örtlichen Gewässerwart gewählt wurde. Da war er gerade in Rente gegangen und wollte sich verstärkt den Fischen widmen.
Das Angeln hatte er damals von seinen Schwiegereltern gelernt. Der ideale Urlaub für das Gehirn, nach einer stressigen 14-Stunden-Schicht als Produktionsleiter bei BMW: „Nach so einem Tag war ich erst einmal zwei Stunden lang fliegenfischen und dann war die Welt wieder in Ordnung“, sagt Mauritz.
Gar nicht in Ordnung sei jedoch, dass er nach all seinen Bemühungen in den vergangenen Jahren feststellen musste: Jeder ist für seinen Vorschlag, doch keiner stellt den entsprechenden Bauantrag. Weder der Grundbesitzer Lars Kaiser noch das Wasserwirtschaftsamt. Auch der Seeshaupter Bürgermeister Friedrich Egold (CSU) sowie dessen Vorgänger hätten sich für Mauritz’ Plan ausgesprochen, passiert ist jedoch nichts. „Ich warte seit zwölf Jahren auf diese Unterschrift auf dem Bauantrag“, sagt er und klopft energisch auf seinen dicken Ordner voller Studien, Masterarbeiten, Architekturplänen und Gesetzestexten rund um das Verbindungsflüsslein, die sich in den Jahren angesammelt haben.
Der Seeshaupter verweist außerdem auf die EU-Richtlinie des Naturschutznetzes „Natura 2000“, in welchem sowohl die Osterseen als auch der Starnberger See als zu schützende Lebensräume vermerkt sind – der Bereich dazwischen jedoch nicht. Das ganze Gebiet sollte der Überzeugung des Seeshaupters nach unter demselben Schutz stehen. „Dann könnten alle nicht mehr aus, dann müssen sie was machen“, sagt er.
Außerdem heißt es in der EU-Richtlinie, dass auch auf die Vernetzung der geschützten Lebensräume geachtet werden müsse. Mauritz ist sich sicher, dass ein finanzielles Förderprogramm der EU beantragt werden könnte. „Ja, so ein Umbau kostet viel Geld, aber wenn alle das wollen, dann muss es doch wohl möglich sein.“
Damit sich endlich etwas tut, versucht er unaufhörlich seine Mitbürger in Vorträgen über das Problem zu informieren und für sich zu gewinnen. Aufgeben kommt für ihn nicht infrage. „Die Natur braucht das und deswegen bleibe ich weiter dran“, sagt er entschlossen, blickt einen Moment die Ach entlang und fügt hinzu: „Das ist das Paradies hier.“ Und das soll es auch für die Fische sein.