„Die Motivation darf nicht leiden“

von Redaktion

BRK-Präsident Theo Zellner über das große Engagement der Ehrenamtlichen

Seit Mitte Juli waren Einsatzkräfte des BRK in den Katastrophengebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Einsatz – viele von ihnen ehrenamtlich. Dieses große Engagement ist die Stärke des bayerischen Rettungsdienstes, sagt BRK-Präsident Theo Zellner.

In den Hochwassergebieten waren 1800 Helfer aus Bayern im Einsatz, sie haben 130 000 Stunden geholfen. Wie viel Routine hat das BRK mit Einsätzen dieser Größenordnung?

Wir haben viele Erfahrungen, auch mit Hochwasser. Aber nicht mit dieser Größenordnung. Unsere Leute waren ja parallel auch in Bayern im Einsatz, im Berchtesgadener Land zum Beispiel. Seit einigen Jahren beobachten wir, dass solche Wetterereignisse sehr schnell und punktuell kommen. Das haben wir in Bayern ja auch in Simbach und Deggendorf schon erlebt.

Wie groß war der Anteil der Ehrenamtlichen bei diesem Einsatz?

Es waren fast ausschließlich Ehrenamtliche im Einsatz. Sie sind unsere große Stärke. Ohne sie wären solche Einsätze undenkbar. Nur dank ihnen können wir in Großschadenslagen so schnell reagieren. Deshalb ist es so wichtig, dass das sogenannte Aufwuchssystem der Ehrenamtlichen in der Novelle des Rettungsdienstgesetzes, das derzeit erarbeitet wird, berücksichtigt wird.

Wie würden solche Katastrophen ohne Ehrenamtliche ablaufen?

Das ist unvorstellbar. Eine Möglichkeit wäre es, die Hilfe staatlich zu organisieren. Tschechien macht das so. Bei uns gibt es aber das Prinzip der Subsidiarität. Die Hilfe kommt direkt aus der Bevölkerung. Jeder fühlt sich betroffen – nur so kann man so große Katastrophen bewältigen.

Die Helfer waren vier Wochen lang in den Katastrophengebieten. Wie schwer ist es, mitten in der Urlaubszeit so viele Freiwillige zu finden?

Ich bin selbst Kreisvorsitzender. Aus meinem Verband sind drei Mal Leute aufgebrochen. Mein Respekt dafür ist riesengroß. Nie gibt es für unsere Leute eine Einschränkung, nie ist ein Urlaub wichtiger, wenn das BRK gerufen wird. Auf unsere Ehrenamtlichen können wir immer zählen. Deshalb definiert sich das Rote Kreuz über das Ehrenamt. Es ist wichtig, dass wir bei den Verantwortlichen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass diese enorme Motivation zu helfen nicht leidet.

Was treibt die Helfer an?

Es ist wirklich eine Leidenschaft zu helfen. Das ist mir schon früh in meiner Zeit bei der Wasserwacht aufgefallen. Hinter dem großen Engagement steht der Wunsch, Menschen in Not zu helfen. Das kann man nicht genug wertschätzen. Aber die Selbstverständlichkeit, dass wir immer da sind, wenn wir gerufen werden, ist manchmal der Feind der Wertschätzung.

Als vor Kurzem in Tschechien zwei Züge kollidierten, dauerte es keine Stunde, bis die bayerischen Helfer vor Ort waren. Ist die länderübergreifende Zusammenarbeit überall im Grenzgebiet so gut?

Das war nicht immer so. Noch vor ein paar Jahren mussten an der Grenze Verunglückte umgeladen werden. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Mit der Hilfe eines Europäischen Förderprogramms haben wir die Zusammenarbeit im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet ganz neu organisiert. In Furth im Wald ist ein länderübergreifendes Rettungszentrum entstanden, dort sitzen bayerische und tschechische Kräfte. Es gibt gemeinsame Alarmierungen. Natürlich haben wir uns früher auch gegenseitig geholfen, aber nun ist diese Hilfe institutionalisiert. Wie sehr sich das bewährt, hat man beim Zugunglück gesehen.

Wie hat die Pandemie Ihre Arbeit verändert?

Viele Übungen und Kurse konnten nicht stattfinden. Aber das Engagement unserer Ehrenamtlichen hat sich Gott sei Dank nicht verändert. Im Gegenteil. Die Pandemie ist ein weiteres Beispiel für die Aufwuchskraft des BRK. Wir konnten dank unserer Ehrenamtlichen schnell eingreifen – beim Testen, beim Impfen.

Wird dieses ehrenamtliche Engagement von der Politik ausreichend gesehen und geschätzt?

Das glaube ich schon. Wir waren immer in engem und guten Kontakt mit unserem Innenminister und den Fraktionen. Das System der Subsidiarität ist in Bayern fest verankert und wird geschätzt. Natürlich würden wir uns aber zum Beispiel bei der Finanzierung mehr Unterstützung wünschen. Zum Beispiel bei der Aufstockung der Fahrzeuge und Ausrüstung aus unserer Erfahrung mit Katastrophen. Wir bekommen viel Unterstützung, müssen aber jedes Jahr neu verhandeln.

Interview: Katrin Woitsch

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