Hausen – Am Lieblingsort von Rentner Adam Zentgraf brummt und summt es auf mehreren Etagen – vom Boden, über den Baumstamm bis in die Baumspitze. Im Herzen des Unesco-Biosphärenreservats Rhön, im Dreiländereck Bayern-Hessen-Thüringen, dehnt sich ein Streuobstgürtel um die Gemeinde Hausen im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld.
Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, Quitten, Walnüsse, Mirabellen – 4000 bis 5000 Obstbäume wachsen hier verstreut zwischen Gräsern, Blumen und Kräutern. Die Bäume sind unterschiedlich alt und groß, charakteristisch für eine Streuobstwiese. Auch, dass die Wiesen nur zweimal im Jahr gemäht werden und auf chemisch-synthetische Pestizide und künstlichen Dünger verzichtet wird.
Streuobstwiesen sind daher artenreiche Biotope, vergleichbar mit einem Korallenriff im Meer. Bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten bilden laut der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) auf einer Streuobstwiese eine eng miteinander verwobene Lebensgemeinschaft –ein Hotspot der Biodiversität. Viele davon seien vom Aussterben bedroht. Deutschland besitzt mit rund 250 000 bis 300 000 Hektar die größten Streuobstbestände Europas.
Zentgraf stapft mit Strohhut, kariertem Hemd und Wanderschuhen durch das Gras. Rund 150 Grundstücke gibt es auf der Streuobstwiese im knapp 700 Einwohner großen Hausen. Manche sind gut gepflegt, andere verwildert. Dort verrottet das Obst auf dem Boden. „Die Pflege und Ernte sind aufwendig und kosten Zeit“, sagt Zentgraf.
Streuobsternte war bis ins 20. Jahrhundert eine wichtige Ernährungsgrundlage für die Bevölkerung. Doch im vergangenen Jahrhundert wurden viele Bestände gerodet, sind verfallen oder aufgegeben worden. Wiesen wichen Wohnbaugebieten. Staatliche Obstbaum-Rodungsprämien und die EU-Agrarpolitik mit billigen Importen waren weitere Gründe für den Rückgang. Dem LfL zufolge standen in Bayern im Jahr 1965 noch 20 Millionen Streuobstbäume – 2019 waren es nur noch sechs Millionen.
„Mit jedem markanten Einzelbaum, der aus der Feldflur verschwindet, stirbt auch ein Stück unserer Landschaft“, sagt Zentgraf. Seit seiner Kindheit hat er sich auf Streuobstwiesen rumgetrieben. Der 69-Jährige weiß, wo Fledermäuse ruhen, Singvögel am liebsten ihre Liedchen pfeifen, der knackigste Apfel hängt, wo die Wildbienen arbeiten und der Milan seine Kreise zieht. „Mit dem Rückgang des Streuobstanbaus drohen die traditionellen Streuobstsorten auszusterben“, sagt er.
Der Weltkulturorganisation Unesco zufolge gefährden heute eher „das schwindende Wissen, fehlende Fertigkeiten und Wertschätzung“ den Bestand als Rodungen. Die Experten befürchten, dass die über Jahrhunderte entwickelten landwirtschaftlichen Praktiken sowie das Wissen über tausende gezüchtete Obstsorten und den richtigen Standort in Vergessenheit geraten könnten. Um den Erhalt von Streuobstwiesen zu sichern, hat die Kommission in diesem Jahr den Streuobstanbau zum Immateriellen Kulturerbe erklärt. Das ist eine wichtige Anerkennung für alle, die sich im Streuobstanbau engagieren, finden unter anderem Bund Naturschutz, Naturschutzbund Deutschland und Landesbund für Vogelschutz.
Zwei bis drei Mal die Woche besucht Zentgraf für mehrere Stunden die Streuobstwiese in Hausen. Er schneidet Obstbäume zurecht, veredelt, pflanzt, hängt Nistkästen auf, mäht seine Wiese. 200 bis 300 Apfel- und Birnensorten wachsen in Hausen – weit mehr, als in den Regalen der Supermärkte liegen. Zum Erhalt wurden in Hausen Baumpatenschaften eingeführt. „Die Paten kommen von München bis Bremen“, sagt Zentgraf. Darunter Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), der emeritierte Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, und Getränkehersteller wie Rhön-Sprudel und Bionade.
Diese Naturparadiese aus Menschenhand würden aus Sicht des Bund Naturschutz nur eine Zukunft haben, wenn sich ihre Nutzung für die Besitzer auch wirtschaftlich lohnt. „Es nützt nichts, wenn der Verbraucher im Supermarkt zur 49-Cent-Schorle greift, wo das Fruchtkonzentrat aus China kommt“, sagt Kai Frobel, Referent für Biotop- und Artenschutz beim BN in Bayern. Es gebe aber noch eine weitere Herausforderung: „Das Problem ist, dass wir in Bayern von den Restbeständen jedes Jahr 50 000 bis 100 000 Bäume wegen Baumüberalterung verlieren“, sagt Frobel. Das Kabinett hat gerade einen Streuobstpakt angekündigt. Damit will Bayern den Streuobstbestand erhalten und eine Million Streuobstbäume bis 2035 neu pflanzen. Der BN sieht aber ein Problem: „Baumschulen in Bayern produzieren derzeit etwa 25 000 Streuobstbäume im Jahr.“ Wo kommen also genügend Jungbäume her?