Fischbachau – Beim Wandern in den Bergen geht es oft über bunte Blumenwiesen. Das ist keine wild gewachsene Wildnis, sondern eine von Menschen geschaffene Kulturlandschaft. Seit Jahrtausenden mühen sich Bergbauern ab, die Almen zu bewirtschaften. Durch die Beweidung mit Vieh sind diese wertvollen Biotope mit seltenen Pflanzen und Tieren entstanden.
Familie Regauer aus Fischbachau im Landkreis Miesbach betreibt noch Almwirtschaft. Der Hof umfasst beachtliche 150 Hektar Land, darunter Wald und „Unland“, das kaum nutzbar ist, sowie 14 Hektar Hutung, das heißt Waldweide. Unten im Tal stehen die 23 Milchkühe, die vor und nach dem Melken Weidegang haben. Dazu vier Pferde. Oben auf ihrer Alm unterhalb der Rotwand weiden 35 bis 40 Stück Jungvieh sowie acht Mutterschafe mit ihren Lämmern. „Ohne Zuschüsse wäre die Bewirtschaftung der Almen völlig unwirtschaftlich“, sagt Brigitta Regauer. Neben der finanziellen Seite wünscht sich die Almbäuerin aber mehr Anerkennung ihrer schweren Arbeit: „Die Almwirtschaft lebt davon, dass die Gesellschaft das honoriert.“ Auch im ideellen Sinn.
Ein Riesen-Problem für die Almweide ist die Rückkehr des Wolfes. Nach dem Riss von einigen ihrer Schafe hatte Brigitta Regauer Albträume. „Wenn wir Herdenschutz mit großen Hunden machen würden, könnte es Konflikte mit Wanderern geben.“ Da wäre erst mal die Haftungsfrage vom Gesetzgeber zu klären. Denn viele Tourengeher seien undiszipliniert, verließen die Wege und liefen – auch mit Hund – durch die Herde. Das provoziert die Abwehrhaltung der großen Schutzhunde.
Aber auch ohne diese Herdenschutzhunde gebe es Probleme mit Wanderern. Einmal kam es zu einer Begegnung zwischen einem Bergfreund und einem Jungvieh auf dem schmalen Pfad unterhalb der Steilwand am Rotwandgipfel. Der Viehsteig ist kein Wanderweg und zu eng, dass Rind und Wanderer nebeneinander Platz haben. Das erschreckte junge Rind stürzte die an dieser Stelle sehr steile Wiese hinab bis zum Fahrweg hundert Meter weiter unten und blieb schwer verletzt dort liegen. Es musste erschossen werden; der Wanderer machte sich aus dem Staub, den Verlust trug der Almbauer.
Durch die extensive Beweidung leisteten die Almbauern viel für den Artenschutz, seltene Blumen und Kräuter gedeihen auf den mageren Wiesen. Ohne die Beweidung würden die Almen schnell verbuschen und dann bis zur Baumgrenze in Wald übergehen – das wäre das Ende der freien Sicht in die Ferne und der artenreichen Wiesen mit ihrer Vielzahl an Insekten. „Die Arbeit auf den Almen ist naturverträglich“, betont Regauer. Es werden keine Futtermittel aus Übersee verwendet, und aufgrund des geringen Tierbesatzes – nur 1,7 Großvieh pro Hektar – und der bodenverträglichen Mistausbringung gebe es keine Verunreinigung des Grundwassers mit Nitrat. Eine Rationalisierung auf den Almen ist kaum möglich, der Maschineneinsatz begrenzt. An besonders steilen Hängen wird noch mit der Sense gemäht.
Wertschätzung und Respekt für diese harte Arbeit wünschen sich die Almbauern – das drücke sich auch darin aus, dass Wanderer auf den ausgewiesenen Wegen bleiben und nicht die Tiere stören. CHRISTIAN VORDEMANN