Weilheim/Garmisch-Partenkirchen – Anne von Streit und ihre Kollegen können es per Mausclick regnen lassen. 70 Liter pro Quadratmeter pro Stunde. Dann beobachten sie, wie die Wassermassen sich ihren Weg suchen – über versiegelte Flächen, über Äcker und das hügelige Voralpenland. Es dauert nicht lange, bis die ersten Überschwemmungen entstehen. Überraschenderweise nicht in unmittelbarer Flussnähe – sondern dort, wo sich das Wasser am besten seinen Weg bahnen kann.
All das passiert auf einem Computerbildschirm – aber es könnte genauso gut wirklich passieren. Und das wollen die Wissenschaftler gemeinsam mit den Kommunen verhindern. Weilheim und Garmisch-Partenkirchen wollen sich besser gegen Starkregen wappnen. Deshalb beteiligen sie sich an dem KARE-Projekt.
KARE steht für Klimawandel-Anpassung auf regionaler Ebene. Berechnet werden die möglichen Sturzfluten anhand hydraulischer 2D-Modelle. Dafür wird die Landschaft mit Lasern abgescannt. In den Modellen werden auch die Bodeneigenschaften berücksichtigt. Mithilfe dieser Daten kann die Infiltrationskapazität des Bodens berechnet werden und damit der Anteil des Niederschlags, der nicht aufgenommen wird, sondern sich oberirdisch seinen Weg sucht.
„Es gibt Karten zur Überflutung von Flüssen oder Ufern“, erklärt von Streit. Nach der europäischen Hochwasserrichtlinie müssen alle Kommunen solche Karten erstellen lassen. Diese Berechnungen sind durch den Klimawandel aber veraltet. Und für Starkregenereignisse gibt es kaum Kartenmaterial. „Nach den Berechnungen der Klimaforschung wird es häufiger und intensiver regnen. Pro Grad Erderwärmung erhöhe sich die Starkregenwahrscheinlichkeit um sieben Prozent, sagt von Streit, die am Geographie-Lehrstuhl der LMU forscht und das Projekt mitkoordiniert. „Unsere Simulationen zeigen, dass das Wasser in vielen Regionen wild fließt, kleine Bäche entwickeln sich zu Fluten. Das Hochwasser kann dann auch Gebiete treffen, die gar nicht in Flussnähe liegen.“
Ein Beispiel dafür ist der Kankerbach in Partenkirchen. 364 Tage im Jahr ist er ein kleines Rinnsal, sagt der stellvertretende Bauamtsleiter Markus Gehrle-Neff. Doch trotzdem gab es dort bereits einige Male große Überschwemmungen, zum Beispiel während des Hochwassers 2005. Damals gab es auch ein Todesopfer. Die Gemeinde hat reagiert, an dieser Stelle ist ein Überlaufbecken und ein Überleitungstunnel gebaut worden. „Damit können wir sowohl den Wasserstand im Kankerbach, als auch in der Partnach regulieren“, erklärt Gehrle-Neff. Die Marktgemeinde würde gerne auch an anderen Orten vorausschauend agieren – deshalb hat sie sich für die Teilnahme an dem Projekt entschieden.
Denn es geht nicht nur um das Erforschen potenzieller Hochwassergebiete, sondern auch um Prävention, erklärt von Streit. Zunächst werden neue Gefahrenzonen ermittelt. „Manchmal liegen Kindergärten, Altenheime oder Energieversorgungszentren in diesen Gebieten“, sagt von Streit. „Besonders dann ist es wichtig, dass die Gemeinden rechtzeitig reagieren und eventuell evakuieren können.“ Auch langfristig sind die Analysen für die Städteplanung wichtig, erklärt sie. Auch das ist Teil des auf drei Jahre angelegten Projekts. Die Projektgruppe bespricht mit den Vertretern der Kommunen, welche Schutzmaßnahmen vor Ort möglich sind. Das könne ein Damm sein, der ein Wohngebiet schützt, ein Rückhaltebecken mitten in der Stadt, das multifunktional genutzt werden kann oder Rückstauklappen an der Kanalisation, sagt von Streit. „Es gibt auch viele kleine Maßnahmen, die viel bringen können.“