VdK zieht für pflegende Angehörige vor Gericht

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Edeltraud Geister kann seit Kurzem nachts wieder durchschlafen – und der Grund dafür treibt ihr manchmal die Tränen in die Augen. Die 67-jährige Rentnerin aus dem schwäbischen Biberach hat bis vor Kurzem ihren demenzkranken Mann zu Hause gepflegt. Durch zwei Lockdowns. Sie war zeitweise ganz auf sich allein gestellt, hat alles gegeben, bis zur völligen Erschöpfung – doch es hat nicht gereicht. Durch die Isolation, die fehlenden Kontakte und Therapien hat sich der Gesundheitszustand ihres Mannes so weit verschlechtert, dass sie im Frühjahr einen Heimplatz für ihn suchen musste. Ohne Unterstützung hat Geister die Pflege zu Hause nicht stemmen können.

Die 67-Jährige ist eine von sehr vielen Menschen in Deutschland, die sich aus Liebe zu einem Angehörigen der Herausforderung Pflege zu Hause stellen. 4,1 Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen – 80 Prozent davon werden zu Hause versorgt. Und mehr als die Hälfte von ihnen ausschließlich von der eigenen Familie.

Für die Pflegebedürftigen und die pflegenden Angehörigen waren besonders die Lockdown-Monate eine schwere Zeit. Sie seien die „Vergessenen der Pandemie“, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele. Der Sozialverband hat an der Hochschule Osnabrück eine Studie in Auftrag gegeben, um die Erfahrungen aus der Pflege zu Hause zu sammeln – und politisch Druck auszuüben, wie Bentele ankündigt.

Mehr als 16 000 VdK-Mitglieder nahmen zwischen Ende März und Anfang Mai an der Befragung zu ihrer persönlichen Situation teil. Mehr als 70 Prozent gaben an, dass die psychische Belastung schwer sei. Die Angst, an Corona zu erkranken, war bei den meisten sehr groß. 81 Prozent der Pflegebedürftigen und 87 Prozent der pflegenden Angehörigen gaben an, sich deswegen isoliert zu haben. Fast ein Drittel hatte Haus oder Wohnung so gut wie nicht mehr verlassen. 37 Prozent der Pflegehaushalte mussten die Situation ohne Unterstützungsangebote meistern. Eine bittere, wenn auch nicht überraschende Bilanz, urteilte Bentele. „Es ist eine wahnsinnige Leistung, die Millionen Menschen tagtäglich erbringen.“ Doch diese Leistung werde viel zu wenig wahrgenommen. „Für die Pflegeheime hat die Große Koalition millionenschwere Rettungsschirme aufgelegt, für die Pflegekräfte gab es Applaus und Boni.“ Nur die pflegenden Angehörige seien leer ausgegangen. „Sie wurden wieder einmal völlig vergessen.“ Bentele kündigte an, der VdK werde auf die Barrikaden gehen, sollte die Pflege zu Hause im nächsten Koalitionsvertrag wieder nicht ausreichend einfließen.

Vor allem ärgert sich die 39-Jährige darüber, dass Erhöhung des Pflegegeldes zwar ermittelt (5 Prozent), dann aber einkassiert wurde. 1,8 Milliarden Euro waren dafür vorgesehen, dass pflegende Angehörige Entlastungsleistungen in Anspruch nehmen können. Das Geld sei dann aber bei der Pflegereform im Juli in die Entlastung der Heime gesteckt worden. Das will der VdK nicht hinnehmen. Gestern kündigte der Verband an, dagegen zu klagen. „Notfalls ziehen wir bis vors Bundesverfassungsgericht“, sagte Bentele.

Edeltraud Geisters Erfahrungen stehen stellvertretend für die Geschichten vieler Familien, betont Bentele. „Sie brauchen dieses Entlastungsbudget dringend.“ Außerdem fordert der Verband eine Pflegezeit. Angehörige müssten einen Entlastungsbetrag und eine Freistellung von ihrem Beruf bekommen können, wenn sie ein Familienmitglied pflegen. „Ohne diesen Einsatz würde unser Pflegesystem schon lange nicht mehr funktionieren“, betont Bentele. „Diese Menschen müssen endlich gesehen werden.“

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