Gröbenzell – Wenn ihre Tante bloß geahnt hätte, was sie da anrichtet. Sie schenkte Maria-Magdalena Siegesmund zur Kommunion eine hübsche Kette. Über das Schmuckstück freute sich die Neunjährige natürlich. Noch mehr aber über die hübsche kleine Pappschachtel, in der die Kette lag. Das Bild einer bunten Blumenvase ziert den Deckel. Wie einen Schatz hat sie das kleine Kästchen jahrelang gehütet – und wurde zur Sammlerin.
Es dauerte allerdings einige Jahre, bis Siegesmund realisiert hatte, dass aus ihr eine Sammlerin geworden war. Zu der ersten Blumenschachtel kam irgendwann eine weitere, die ihr das damalige Hausmädchen schenkte. Den nächsten Schatz entdeckte sie auf einem Flohmarkt. Und es dauerte nicht mehr lange, bis sie regelmäßig auf Flohmärkte ging und akribisch nach neuen Fundstücken für ihre kleine Sammlung Ausschau hielt. „In den 90ern war ich fast jedes Wochenende auf Flohmärkten unterwegs“, berichtet sie. Schon bald waren zwei Regale gefüllt mit den hübschen kleinen Pappschachteln.
Heute hängen diese Regale in ihrem Haus in Gröbenzell (Kreis Fürstenfeldbruck). Jeden Tag geht Maria-Magdalena Siegesmund mehrmals daran vorbei. Und noch immer kann sie sich an ihren kleinen Schätzen so freuen wie damals, als sie noch ein junges Mädchen war.
Sie hat inzwischen ein wenig recherchiert, was es früher mit diesen Kästchen auf sich hatte. Einige waren für Schmuck gedacht, zum Beispiel für die Eheringe. Es gibt ganz kleine Döschen, die Apotheken verwendeten, um Tabletten oder Pulver zu verkaufen. Einige sind etwas größer. „Sie könnten zum Beispiel für Seife oder Schokolade als Verpackung genutzt worden sein“, sagt Siegesmund. Ihre ältesten Kästchen stammen aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts. Das Motto war damals „Hübsch verpackt ist halb verkauft“, berichtet Siegesmund. Sie schmunzelt. Was sie betrifft ist dieses Motto mehr als zutreffend. Aber auch um die Jahrhundertwende mit Aufkommen der Markenartikel hatte dieses Prinzip schon funktioniert. Das hübsche Drumherum wirkte absatzfördernd – und diente dazu, sich von der Konkurrenz abzuheben.
Immer wieder nimmt Maria-Magdalena Siegesmund eines der Kästchen zur Hand, betrachtet es liebevoll. Einige haben Aufschriften. Teilweise kann sie die alte Schrift kaum entziffern, gelegentlich nimmt sie eine Lupe zur Hilfe. „Herzoglich bayerische Hofapotheke, Theresienstr. 1, Telefon 1127“ steht zum Beispiel auf einer. Auf einer anderen prangt die Jahreszahl 1897, darüber der Schriftzug „Zahnarztpraxis Brunhölzl“. Wieder eine andere trägt die Aufschrift „3 x täglich eine Pille nach dem Essen“. Und dann gibt es noch eine etwas größere mit Blumen bedruckte Schachtel, die wohl zur Aufbewahrung von Feldpost genutzt wurde. Die Handschrift auf der Rückseite konnte Siegesmund entziffern. „Gefreiter H. Seel“ steht dort. „Jede Schachtel hat ihre Geschichte“, sagt sie. „Und jede trägt ein kleines Geheimnis in sich.“ Auch das ist es, was sie an ihren inzwischen rund 130 Schätzen so fasziniert. Manchmal kann sie durch die Beschriftung darauf schließen, wie die Schachtel verwendet wurde. Manchmal sind die kleinen Kästchen sogar noch gefüllt. Mit kleinen Scherenbildern zum Beispiel. Oder mit Papierblumen. Den Inhalt lässt Maria-Magdalena Siegesmund immer, wie er ist. Er gehört für die 72-Jährige zur Geschichte einer Schachtel dazu.
Viele neue Fundstücke kommen zu ihrer Sammlung leider nicht mehr dazu. „Auf Flohmärkten ist nicht mehr so viel zu finden wie früher“, sagt sie. Manchmal kommt ihr der Zufall zur Hilfe – und sie muss in ihren Regalen wieder etwas Platz schaffen. Natürlich hat es sich auch in ihrem Bekanntenkreis längst rumgesprochen, dass man ihr mit einer hübschen leeren Schachtel eine mindestens so große Freude machen kann, wie mit dem Geschenk darin. Wo ihre Liebe zu kleinen Schachteln und Döschen herkommt, weiß Siegesmund selbst nicht so genau. „Das war schon immer so“, sagt sie und fügt schmunzelnd hinzu. „Deshalb besitze ich auch eine Streichholzschachtel-Sammlung.“ Die ist natürlich längst nicht so schön geheimnisvoll wie ihre andere Sammlung. KATRIN WOITSCH
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