Freising – Man kann sich diese Szene gut vorstellen: Ein Bub schaut vom Freisinger Domberg aus bis zum Horizont und träumt sich zu Winnetou und Old Shatterhand ins ferne Amerika. Ihre Abenteuer sind es nämlich, die den jungen Franz Kandolf viel mehr interessieren als das Domgymnasium und das spätere Priesterseminar. Zwar wurde Kandolf tatsächlich zum Priester in Freising geweiht, allerdings ließ ihn Karl May und dessen Werk ein Leben lang nicht mehr los. Er trug später mit seinen Bearbeitungen der Karl-May-Romane sogar zu derem unglaublichen Erfolg bei und prägte damit ganze Generationen.
Eigentlich klingt die Lebensgeschichte von Kandolf selbst wie ein Abenteuerroman: Der im November 1886 geborene Bub aus München- Haidhausen stammte aus recht ärmlichen Verhältnissen, war aber schulisch begabt – und das fiel schon früh auf. Ludwig Stimpfle, der sich mit Kandolf auseinandergesetzt hat, erklärt es so: Begabte Kinder wurden damals entweder Lehrer oder Pfarrer, wie eben auch Karl May selbst, der ja Lehramt studiert hatte.
Zuerst besuchte Kandolf das Wilhelms-Gymnasium in München, wurde dann allerdings zügig ins Erzbischöfliche Knabenseminar nach Scheyern gesteckt. Im Herbst 1902 kam er nach Freising ins Erzbischöfliche Knabenseminar, welches in Verbindung mit dem humanistischen Domgymnasium stand – dort lebte Kandolf dann auch im Internats-Bereich. Das Abitur bestand er 1906 erfolgreich, nur in der deutschen Sprache „würde manches zu wünschen übrig lassen“, wie in seinem Zeugnis vermerkt ist.
Dass Kandolf zu jener Zeit in Freising Karl May gelesen hat, ist naheliegend, denn er gratulierte 1907 schriftlich dem berühmten Autoren zum Geburtstag. Karl May, so bestätigt es jedenfalls Stimpfle, habe sogar nach Freising zurückgeschrieben. Diese Korrespondenz, so der Karl-May-Verleger Bernhard Schmid, werde allerdings erst in einem Buch über Kandolf veröffentlicht, das 2022 erscheinen soll.
Das Studium zum Pfarrer und die Weihe im Jahr 1911 hatte Kandolf über sich ergehen lassen, erzählt Stimpfle. Vielmehr habe den Pfarrer allerdings die Literatur umgetrieben, darunter auch die Werke von Jules Verne. „Der hätte eigentlich Literaturwissenschaftler werden müssen“, sagt Stimpfle. Deshalb sei Kandolf, der scheinbar „Dienst nach Vorschrift“ als Geistlicher machte, auch immer nur Kaplan geblieben – und das 20 Jahre lang, ohne das Anstreben, eine eigene Pfarrei betreuen zu wollen. Stattdessen verschrieb er sich immer mehr dem riesigen Werk von Karl May und setzte sich mit dessen Romanen auch in den Karl-May-Jahrbüchern mit fundierten und zahlreichen Beiträgen auseinander.
Aber das ist nicht alles: Zusammen mit dem ehemaligen Eigentümer des Karl-May-Verlags, Euchar Albrecht Schmid, nahm Kandolf teils tiefgreifende Veränderungen an den Romanen von May vor, um mit diesem moderneren Ton und Kürzungen mehr Leser ansprechen zu können – was letztendlich auch gelang. Doch Kandolf war auch als Autor nicht unbegabt: Im Auftrag des Verlages schrieb er deshalb Mays unvollendete Reise-Erzählungen „Im Jenseits“ unter dem Titel „Mekka“ fertig – welches dann als Ausgabe 50 unter Kandolfs eigenem Namen in die „grüne Reihe“ eingefügt und zu einem Erfolg wurde.
In der Rückschau nicht ganz unumstritten gilt hingegen Kandolfs großzügige Bearbeitung des Romans „Im Tal des Todes“. Hier „verwandelte“ er kurzum einige Protagonisten zu bekannten Figuren, beispielsweise wurde aus einem Apachen schnell mal Winnetou höchstpersönlich.
Die Leute, so Stimpfle, glauben, sie würden Karl May lesen, aber vieles sei eben in Wirklichkeit von Kandolf. Er war ein reger Mitarbeiter des Verlags – unter anderem entstand so auch in den 1930er-Jahren der May-Pastiche „Die Söhne des Scheiks“, der inhaltlich an die Bände 2 und 3 der Gesamtausgabe anknüpft.
Als von Kandolf überaus stark bearbeitet gelten „Allah il Allah“ und „Ritter und Rebellen“. Inzwischen gibt es aber auch historisch-kritische May-Ausgaben, bei denen der ursprüngliche Text nachgelesen werden kann, erzählte Stimpfle. 2022 soll auch Kandolfs Einfluss auf die Werke des meistgelesenen Autoren Deutschlands beleuchtet und gewürdigt werden – unter anderem in dem Buch „Karl May und München“, das zum Kongress der Karl-May-Gesellschaft in München erscheinen soll. Auch ein weiteres Buch und eine Ausstellung im Haidhausener Museum über Kandolf sind geplant.
Gestorben ist Kandolf 1949 in München, wo er bis zum Lebensende als Geistlicher im Gasteig-Spital tätig war. Er wurde 62 Jahre alt. Karl May starb 1912, sein Oeuvre umfasst 70 Bücher, die weltweit über 200 Millionen Mal verkauft wurden.