„Die Erni hat da, wo sie jetzt ist, bestimmt eine neue Theatertruppe“

von Redaktion

Schauspieler Rolf Kuhsiek (85) erinnert an seine Bühnenkollegin

Sie standen unzählige Male gemeinsam auf der Theaterbühne, waren aber nicht nur Kollegen, sondern gute Freunde. Zu ihrem 100. Geburtstag erinnert der Schauspieler Rolf Kuhsiek in einem Brief an seine Erni an persönliche gemeinsame Erlebnisse.

VON ROLF KUHSIEK

Liebe Erni, am Sonntag hättest Du Deinen 100. Geburtstag. Wenn Du noch unter uns wärst, würdest Du bestimmt an diesem Tag auf der Bühne stehen. Vielleicht in dem berühmten Stück „Ihr 106. Geburtstag“. Wahrscheinlich hast Du da, wo Du jetzt bist, schon längst eine Theatertruppe mit Max Grießer, Willy Harlander, Toni Berger, Beppo Brem und Helmut Fischer zusammengestellt.

Liebe Erni, weißt Du eigentlich, wie sehr ich Dich vermisse? Ich vermisse Deine Freundlichkeit, Deine Kollegialität und vor allem Deinen Humor.

Mit Dir gab es immer viel zu lachen. Einmal waren wir außerhalb Münchens zu einer Vorstellung eingeladen. Dir zu Ehren hatten sie im Foyer einen Tisch aufgebaut, es gab herrliches Essen. Ich saß neben Dir, mir gegenüber eine Frau, die plötzlich sagte: „Herr Kuhsiek, ich freue mich, Sie einmal persönlich kennenzulernen.“ Dann wandte sie sich an Dich und sagte: „Kennen Sie ihn?“ Du warst völlig verblüfft und zischtest mir ins Ohr: „De oide Goaß kennt mi fei ned.“

Nach der Vorstellung in der Komödie am „Max II“ saßen wir in dem Lokal gleich um die Ecke, dem „Klösterl“. Eine Frau kam auf Dich zu und sagte: „Frau Singerl, wie schön, Sie zu treffen. Sie haben so wunderschöne Haare. Würden Sie mir Ihren Friseur verraten?“ Du trugst immer eine Perücke, da Deine Haare schon sehr dünn waren.

Dein absoluter Liebling war Deine Angorakatze, die genau wusste, wie sie Dich behandeln musste, um gestreichelt zu werden.. Wenn Du nach der Vorstellung nach Hause kamst, sprang sie sofort auf Deinen Schoß und blickte Dich auffordernd an.

Liebe Erni, was mir besonders leidtat, war die Demenz, die Dein Mann Georg bekommen hat. Wenn Du abends ins Theater musstest, hat er gegenüber in der Wirtschaft angerufen und gesagt, dass seine Frau ihn verlassen hat und er etwas zum Essen haben möchte. Das war eine schlimme Zeit für Dich.

Du hast alle Rollen gerne gespielt, aber „Die Perle Anna“ besonders gern. Damit waren wir im Theater „Die Kleine Freiheit“ in München und mit dem Chiemgauer Volkstheater auf Tournee. Weißt Du noch, wie wir bei einer Fahrt in einen furchtbaren Stau geraten sind? Die Polizei hat uns mit Blaulicht geholfen, dass wir noch rechtzeitig ins Theater kamen.

„Tratsch im Treppenhaus“ hast Du auch sehr gerne gespielt. In der Aufführung in der „Kleinen Freiheit“ hat Udo Jürgens Tochter Jenny zum ersten Mal auf der Bühne gestanden.

Bei einem Tanz in „Die wilde Auguste“ hast Du Dich bei einem Sprung verschätzt und bist mit dem Steißbein auf der Lehne des Sessels gelandet und hast Dich verletzt. Gott sei Dank hat Dich der Orthopäde sehr gut behandelt, sodass keine Vorstellung ausfiel.

Liebe Erni, wir beide haben über eintausend Mal zusammen auf der Bühne gestanden. Du hast es geschafft, dem Theater in drei Monaten eine Million Euro einzuspielen, und pro Produktion hattest Du über 50 000 Besucher, die sich bestimmt freuen, wenn sie diesen Artikel über Dich lesen. Die letzten beiden Stücke „Die Power Paula“ (2002) und „Erni greift an“ (2003) waren für Dich eine große Herausforderung, denn Du hast trotz eines unoperierbaren Hirntumors gespielt, was wir erst nach Deinem Tod erfahren haben.

Sehr schade finde ich, dass Deine Beerdigung auf dem Münchner Ostfriedhof ohne jegliche Besucher stattgefunden hat. Das sei Dein Wunsch gewesen, hieß es.

Liebe Erni, genau drei Monate vor Deinem Geburtstag, also am 29. Mai, bin ich 85 geworden. Du siehst also, dass Du nicht mehr allzu lange auf mich warten musst. Vielleicht sucht Du schon mal ein Stück aus, das wir dann spielen können.

In diesem Sinne sei ganz herzlich gegrüßt von Deinem Kollegen, Partner und Freund Rolf.

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