München – Heimat ist in. In unzähligen Filmen und Fernsehserien volkstümelt es sehr und es wird gerne im Dialekt gesprochen. Merkwürdig freilich ist, dass es in diesem prosperierenden Folklore-Geschäft keine echten Stars gibt. Früher, als man niemandem erklären musste, dass gerade Bairisch gesprochen wird und nicht mit aufwendigen Marketing-Kampagnen beworben wurde, dass Heimat „Dahoam“ sei, da gab es genau diese Stars.
Volksschauspieler wurden sie gerne genannt – und sie verstanden das als Auszeichnung, weil es bedeutete, dass das Publikum sie zu Stars gemacht hatte. Und sie sagten keine Texte in Fantasie-Bairisch auf, sondern sprachen so, wie sie eben sprachen. Es waren keine Bayern-Darsteller, sondern Bayern, von Beruf eben Schauspieler.
In der Riege der Granden wie Gustl Bayrhammer, Beppo Brem, Toni Berger oder Ludwig Schmid-Wildy ragte trotz zierlicher 154 Zentimeter eine Frau heraus: Erni Singerl behauptete sich als eine der wenigen Frauen über Jahrzehnte in der Szene. Und sie trug den Titel Volksschauspielerin mit Stolz.
Denn, um das gleich zu Beginn zu klären: Volksschauspieler ist beileibe nicht jeder, der Mundart-Texte rezitiert. Volksschauspieler, das ist mehr als ein Beruf, das ist eine Art Lebenseinstellung. Man spielte, aber man verstellte sich nicht. Volksschauspieler benutzten das Idiom, in dem sie zu Hause waren, verliehen so den Texten einen Witz und Hintersinn, der so auf dem Papier oft gar nicht zu finden war. Kurzum: Es kam nicht auf das Stück an, sondern auf die Person.
Womit wir wieder bei Erni Singerl wären, über gut 60 Jahre der lebende Beweis für diese These. Denn die Bestätigung kam von den vermeintlich einfachen Leuten, die ins Theater rannten, um sie zu sehen, gleichgültig wie das Stück hieß. Abend für Abend den Saal zum Lachen zu bringen, auch wenn die Pointen vielleicht gar nicht so wahnsinnig komisch waren, das war ihr persönlicher Triumph.
Es hat sehr lange gedauert, bis das geneigte Feuilleton das großartige Können der Frau bewusst zur Kenntnis nahm. Helmut Dietl hatte sie in seiner unsterblichen Serie „Monaco Franze“ als gschnappige Haushälterin besetzt und sie riss die Szenen förmlich an sich.
Wie großartig sie spielen konnte, durfte sie dann im nächsten Dietl-Projekt „Kir Royal“ zeigen. Als ebenso überforderte wie stolze Mutter des Helden Baby Schimmerlos stirbt sie beim vergeblichen Kampf gegen den Videorekorder, der ihren Buben aufzeichnen soll. Der übergangslose Wechsel zwischen Tragik und Komik in dieser einen Szene war großes Kino. Endlich wurde Singerl auch ausgiebig von der Kritik gewürdigt, da war sie schon im Rentenalter und konnte auf eine ebenso lange wie unterschätze Karriere zurückblicken.
Über Jahrzehnte war sie die geheime Universalwaffe im Bayerischen Fernsehen. Wann immer eine gewitzte, mitunter leicht boshafte, auf jeden Fall aber patente Frau gesucht wurde, die einen in der einen Sekunde auf die Palme bringt und dann gleich danach unwiderstehlich charmant umschmeicheln kann, trat Singerl auf den Plan. „Das Königlich Bayerische Amtsgericht“, „Pumuckl“ oder „Polizeiinspektion 1“: Singerl war immer zur Stelle und sorgte zuverlässig für Lacher, ohne zu murren auch in kurzen Gastrollen.
Daneben stand sie unermüdlich auf der Bühne – tanzend und singend bis ins hohe Alter. Noch mit über 80 riss sie mit furiosen Tanzeinlagen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.
Wie das ging ? „Disziplin ist alles“. Singerl, als Ernestine Kremmel vor den Toren Münchens geboren, empfand ihre Karriere als Privileg und Verpflichtung. Als Tochter eines Eisenbahners in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, verstand sie sich als Dienstleisterin, nicht vorrangig als Künstlerin mit Hang zur Selbstverwirklichung. Mit zehn Jahren, so erzählte sie es selber, marschierte sie mit ihrer Ziehharmonika zum Bayerischen Rundfunk, um vorzuspielen. Man ließ sie gewähren und sie gab das Gstanzl „Der Hansl am Bach hat lauter guat’s Sach“ zum Besten. Die vorlaute Erni durfte im Kinderfunk mitmischen.
Nach der Schneiderlehre, da war sie noch minderjährig, sprach sie beim legendären Weiß Ferdl vor, der sie vom Fleck weg an seiner Volksbühne am Münchner Platzl engagierte, ihr einen Künstlernamen verpasste und alles beibrachte, was sie wissen musste. Das vor allem: Es geht immer um alles. Die Menschen spüren Nachlässigkeit, Routine, Gedankenlosigkeit sofort.
Singerl hat sich daran gehalten und wurde schnell ein Publikumsliebling, weil sie ein instinktives Gespür für Timing besaß und die Sprache der Menschen sprach. Ein mitunter leicht hochgestochenes Münchnerisch, das zwischen harmlosen Sätzen ätzendes Gift verströmen konnte. Manchmal hört man das heute noch bei älteren Damen in München, die etwas auf sich halten und mit wunderbarem Snobismus in schönste Komplimente pure Verachtung verpacken können. Das ist eine Kunst – und Erni Singerl beherrschte sie souverän. Und zwar so gewieft, dass man sie trotzdem mögen musste.
Nach dem Krieg brachte die junge Witwe die kleine Familie mit Näharbeiten durch und startete dann richtig durch, kaum, dass die Theater wieder geöffnet waren. Als der populäre „Komödienstadl“ vom Radio ins Fernsehen wanderte, war ihre große Stunde da: Sie gehörte bald zum Inventar und galt als sichere Bank. Die Stücke waren, das muss man ehrlich sagen, nicht immer nobelpreisverdächtig, aber das war letztlich Nebensache, man sah wegen der Schauspieler zu, unter anderem eben wegen der quirligen Singerl.
Deswegen ist der Name auch Jüngeren immer noch ein Begriff, mittlerweile entdeckt jede Generation beispielsweise den „Monaco Franze“ neu für sich und damit halt auch die großartige Gschaftlerin Erni Singerl. Und bei den Älteren lebt sie im Gedächtnis weiter als bodenständige Frau, der man ohne Weiteres in einem Biergarten oder dem Viktualienmarkt über den Weg laufen konnte.
Singerl hatte keine Berührungsängste und keine Allüren. Aber sie wusste, was sie konnte. Am 30. Juli 2005 verstarb sie mit 83 Jahren in ihrem Haus in München-Trudering an Krebs. „Schön, dass ich bis zum Schluss meinen Weg gehen durfte“ hat sie sich noch selber als Text für ihre eigene Todesanzeige ausgesucht. Und dafür gesorgt, dass aus ihrer Beerdigung kein verlogenes Society-Event im Münchner Stil wird, was die lokale Boulevardpresse und auch viele Bühnenkollegen damals sehr erboste. Ein Zwergerlaufstand, den Erni Singerl vermutlich stumm mit hochgezogener Braue kommentiert hätte.
Auch ohne die Berichterstattung haben die Menschen um sie getrauert und denken heute, zu ihrem 100. Geburtstag, mit Wohlwollen an sie zurück. Man darf bezweifeln, ob das den jetzigen Möchtegern-Folkloristen aus Film und Fernsehen gelingt – dass man ihnen noch Jahrzehnte hinterher trauert. „Persönlichkeit muss man haben, die kann man nicht lernen“, hat Erni Singerl einmal gesagt. Mit dieser grandios hinterfotzigen Betonung, die alles erklärt, ohne es auszusprechen.
Kranzniederlegung
Die Stadt München legt am Sonntag anlässlich ihres 100. Geburtstags einen Kranz am Grab von Erni Singerl am Münchner Ostfriedhof, St.-Martins-Platz 1, nieder. Wer ebenfalls gratulieren will: Die Nummer der Grabstätte ist 56/11/3.