München – Ist Martin Luther, der Urheber der Reformation, beim Rückweg auf seiner berühmten Rom-Reise im Februar/März 1511 durch das Werdenfelser Land und den Pfaffenwinkel gekommen, so wie es Hinweistafeln am Ettaler Berg bekunden? Neuere Forschungen stellen das infrage. Die Faktenlage ist aber dünn. Zehn Jahre vor seinem Auftritt auf dem Reichstag in Worms war der Reformator ein namenloser junger Augustinermönch. Und die Archive der Klöster am Wege, die ihm ein Nachtquartier gewährt haben könnten, weisen Lücken auf.
Beschwerlicher Weg über den Septimerpass
Mit einem älteren Mitbruder brach Luther nach Rom auf. Von ihm selbst gibt es keine Reisenotizen, weshalb vieles im Dunklen liegt. Überliefert sind persönliche Reminiszenzen anlässlich seiner späteren Tischreden. Nicht restlos geklärt sind Zeitpunkt und Route der strapaziösen Reise, aber auch Fragen nach seinen Begleitern und dem Zweck seiner Mission.
Nach der „älteren“ Hypothese von Heinrich Böhmler und anderen fand die Reise im ungewöhnlich strengen Winter 1510/11 statt. Gesichert ist, dass sie über Nürnberg, Ulm und die Schweiz führte. Demnach hätte Luther den 2310 Meter hohen, im Winter tief verschneiten und lawinengefährlichen Septimerpass gewählt. Der seinerzeit wichtigste Alpenpass, den bereits die deutschen Kaiser Otto der Große und Friedrich Barbarossa benutzt hatten, ist heute noch Wanderern und Mountainbikern vorbehalten.
Nach Stationen in Mailand, Bologna und Florenz und einem Monat in Rom führte die Rückreise im Februar/März 1511 – also ebenfalls noch im Winter – über die Alpen zurück. Augsburg ist als Rastplatz gesichert. Deshalb wird die römische „Via Raetia“ – die bevorzugte und topografisch günstigste alte Handels- und Pilgerroute über den Brenner, den Zirler Berg, Mittenwald, Partenkirchen, die Klöster Ettal und Rottenbuch nach Schongau – als Luthers Weg angenommen. Bei Klais (Gemeinde Krün) besteht übrigens noch ein vollkommen intaktes Stück der alten Römerstraße.
Über die eisigen Alpen oder entlang der Küste?
Die mittelalterliche Ettaler Straße von Oberau über den Kienberg hinauf zum Kloster war eine bei Fuhrleuten gefürchtete steile Passage. Informationstafeln erinnern hier an Luthers Durchreise im Februar/März 1511.
Doch diese These ist ins Wanken geraten, seitdem der Marburger emeritierte Professor für Kirchengeschichte, Dr. Hans Schneider, in seiner 2011 erschienenen Abhandlung Luthers Reise nach Rom „neu datiert und neu gedeutet“ hat. Demnach brach Luther nicht Oktober/November 1510 in Erfurt auf, sondern erst im September 1511 von Wittenberg aus, wohin er versetzt worden war. Dafür spräche, dass er den Septimerpass bereits Ende Oktober, also vor Wintereinbruch, passiert haben könnte.
Richtig spannend macht es Schneider um die demnach erst zum Jahreswechsel 1511/12 angetretene Rückreise: Seine „neuere“ Hypothese stützt sich auf eine Reihe von Indizien, die auch eine Rückreise auf der Küstenroute über Genua, Nizza und die Provence für „ernsthaft diskutabel“ erscheinen lässt. Luther hätte mit diesem Umweg die direktere Route durch Oberitalien (das ab Dezember 1511 Kriegsschauplatz wurde) und über die eisigen Alpen vermieden. Schneiders Schwierigkeit: „Die Archive vieler Klöster am Wege sind in einem schlechten Zustand und weisen heute Lücken auf.“
Luthers Fußwanderung von Erfurt nach Rom und zurück war eine ungeheure Strapaze. Man hat für sie eine Entfernung von 2912 Kilometern sowie 42 500 Höhenmeter im Aufstieg und Abstieg ermittelt. Bei einer täglichen Wanderzeit von acht Stunden und einer Tagesleistung von 28 Kilometern errechnete man eine Reisezeit von vier Monaten. Noch nicht berücksichtigt wäre hierbei der längere Weg ab Wittenberg und ein möglicher Umweg über die Provence. Je nachdem, ob Luther 1510/11 oder 1511/12 gereist ist, kann auch die Frage nach dem Zweck der Reise und nach seinen Begleitern in unterschiedlichem Licht gesehen werden. Es war nicht nur eine fromme Pilgerreise in die Heilige Stadt, deren Böden vom Blut der christlichen Märtyrer getränkt waren. Luther begab sich offenbar im Auftrag seines Mentors Johann von Staupitz als Abgesandter (aber nicht als Verhandlungsführer) auf eine Dienstreise, bei der Konflikte der Ordensprovinz mit dem Heiligen Stuhl erörtert werden sollten.
Rom war an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit eine Stadt im Umbruch und der Petersdom eine Riesenbaustelle. Finanziert werden sollte dieses Vorhaben durch den Handel mit Ablassbriefen, mit denen man sich von Sünden freikaufen konnte. Haben die Einblicke des tiefgläubigen jungen Mönches in die römischen Verhältnisse vielleicht schon damals den Nährboden dafür gelegt, dass er Jahre später zum ungehorsamen Kirchenrebell und Wegbereiter der protestantischen Reformation geworden ist? Um Luthers Rom-Reise gibt es noch viele ungelöste Rätsel. RAINER BANNIER