Vor 40 Jahren hat Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner ihre Ausbildung begonnen – in einem Beruf, in dem es kaum Frauen gab. Sie ist gelernte Radio- und Fernsehtechnikerin. Und erinnert sich an einige abfällige Bemerkungen, die sie damals einstecken musste. Bereut hat sie ihre Berufswahl allerdings nie. Die Ausbildung hat sie geprägt.
Nicht viele Frauen entscheiden sich dafür, Radio- und Fernsehtechnikerin zu werden. Warum wollten Sie diesen Beruf lernen?
Ich komme aus einem Elektro-Handwerksbetrieb und hatte schon immer eine Affinität dazu. Außerdem haben mir Mathematik und Physik in der Schule am meisten gefallen. Das war eine wunderbare Symbiose. Elektroinstallateurin war mir doch etwas zu hart – aber Schwachstrom habe ich mir zugetraut.
Gab es Menschen, die Ihnen diese Arbeit nicht zugetraut haben?
Mir fallen schon ein paar Begebenheiten ein. Ich wurde zum Beispiel mal gefragt, ob ich meinen Freund zur Arbeit begleite. Oder der Monteur wurde gefragt, ob er seine Freundin mitgebracht habe. Als ich eine Steckdose montiert habe, bin ich einmal gefragt worden, ob ich sie klauen wolle. Es war einfach sehr unüblich, eine junge Frau auf dem Bau zu sehen.
Wie sind Sie mit solchen Sprüchen umgegangen?
Mit großer Gelassenheit. Das wäre auch heute mein Tipp für junge Frauen in Männer-dominierten Berufen: Ärgert euch nicht, kontert lieber mit einem lockeren Spruch. Humor ist die beste Waffe.
Glauben Sie, dass Frauen in Männerberufen auch heute noch mehr um Respekt kämpfen müssen?
Unsere Gesellschaft ist offener geworden. Aber ich fürchte, vereinzelt bekommen Frauen noch solche Sprüche zu hören.
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Ausbildungstag?
Ja, das war eine aufregende, neue Welt. Ich weiß noch genau, wie die Werkstatt ausgesehen hat. Ich hatte einen sehr netten Meister, er hat mich freundlich aufgenommen.
Wie sehr mussten Sie sich den Respekt erarbeiten?
In der Lehre musste ich nicht so sehr kämpfen. Erst später, bei der Techniker-Ausbildung. Damals war ich die einzige Frau unter 100 Männern.
Und ich hatte einen Lehrer, der mich spüren ließ, dass er nur auf einen Fehler von mir wartet. Ich musste immer ein bisschen besser sein, als die anderen. Vielleicht hatte ich auch deshalb einen der besten Abschlüsse.
Müssen Frauen auch heute noch mehr leisten, um die selbe Anerkennung zu bekommen wie Männer?
Frauen, die sich für einen Männer-dominierten Beruf entscheiden, haben sowieso den Ehrgeiz, gut dastehen zu wollen. Ich bin grundsätzlich sehr leistungsorientiert. Ich habe mich mit Mathe und Physik ja auch leicht getan. Das ist mein Ratschlag für alle jungen Menschen: Macht das, was euch Spaß macht. Ich wollte eigentlich in die Wirtschaft gehen und habe in der Schule dann meine Begeisterung für Naturwissenschaften entdeckt.
Nach Ihrer Technikerausbildung sind Sie in die Hubschrauberentwicklung gegangen. Fragen Sie sich manchmal, wie Ihr Leben aussehen würde, wenn Sie sich nicht für die Politik entschieden hätten?
Ja, oft sogar. Fast jedes Mal, wenn ich einen Hubschrauber sehe oder auf dem Bau bin. Erst diese Woche hatte ich einen Termin auf einem technisch gut ausgerüsteten Bauernhof – da geht mir sofort das Herz auf. Ich vermisse die Technik manchmal.
Was haben Sie aus Ihrer Ausbildungszeit fürs Leben mitgenommen?
Die tiefe Verwurzelung im Handwerk. Die hatte ich schon vorher. Ich weiß, was Familienbetriebe leisten und mit welchem Risiko sie leben müssen. Das hat mein Denken geprägt.
Interview: Katrin Woitsch