Bayerns schönster Impfort

von Redaktion

VON MATTHIAS SCHNEIDER

Starnberg – „Schon vorbei“, sagt Elisabeth Neeser und zieht die schlanke Nadel aus der Schulter von Alois Schweier. Einmal impfen bitte, einmal Johnson & Johnson, da braucht es nur eine Dosis. So weit, so normal. Doch der 56-Jährige aus Grafrath (Kreis Fürstenfeldbruck) wird nicht wie Millionen andere im Container eines grauen Impfzentrums geimpft, unter seinen Füßen wummern leise die Dieselmotoren der MS Seeshaupt. Schweier sitzt in einer Panoramakabine unter der Brücke des Starnberger Ausflugsschiffs, die provisorisch in eine Impfstation verwandelt wurde. Außerhalb der Kabine genießen etwa 150 Ausflügler das Kaiserwetter. Es werden Sonnenbrillen herausgekramt, Liegestühle besetzt und Fotos gemacht. Auch Alois Schweier ist wegen der schönen Atmosphäre hier: „Ich bin extra aus Grafrath hergefahren, weil ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden wollte“, erklärt er.

„Besser hätten wir es mit dem Wetter nicht treffen können“, sagt auch Barbara Gülzow und blinzelt in die Sonne. Sie ist beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) stellvertretend für die Impfzentren im Landkreis Starnberg zuständig. Es war unter anderem ihre Idee, den Ausflüglern ein Impfangebot auf dem Wasser zu machen. Damit will das BRK die noch Unentschlossenen ansprechen. „Wir waren auch schon am Wochenmarkt, am Badesee und auf einem Festival. Es geht darum, möglichst niedrigschwellige Angebote zu schaffen.“ Meist ist der Andrang größer als an diesem Tag. Man könne es nicht voraussagen und müsse es deshalb immer wieder probieren.

Dabei wird nicht an der Qualität gespart: Zwölf Kräfte sind an Bord, davon vier Ärztinnen, darunter eine Kinder- und eine Notärztin. „Wir wollen auf alles vorbereitet sein“, erklärt Gülzow. Für Notfälle stünde an Land die Wasserwacht bereit. „Unser schlimmster Vorfall war dieses Jahr aber nur ein kleiner Kollaps, den konnten wir mit Traubenzucker und einem Schluck Wasser wieder stabilisieren“, sagt die Team-Chefin augenzwinkernd.

An diesem Tag gibt es keine Zwischenfälle. Neben Alois Schweier lassen sich noch fünf andere Passagiere impfen. Von ihnen will sich aber niemand zu seiner Impfung äußern. Für Barbara Gülzow ist das nicht außergewöhnlich: „Nach der großen Impf-Euphorie kommen jetzt öfter Menschen, die nicht voll hinter ihrer Impfung stehen und das darum nicht bekannt machen wollen.“ Doch genau für diese Menschen nimmt sich das Impfteam die Zeit, um an besondere Orte zu kommen. „Wir wollen die Impfung mit positiven Bildern besetzen, es ist ja etwas Schönes, sich und andere Menschen zu schützen“, sagt Gülzow.

Der Aufwand dafür ist groß, neben dem Personal braucht es eine lückenlose Kühlkette für den Impfstoff. Elisabeth Neeser sieht es gelassen. Sie lehnt sich an die Reling und setzt sich eine Sonnenbrille auf, ihre Haare wehen im Wind: „Für uns ist das Routine, wir machen ja oft mobile Impfeinsätze, viele von uns sind seit Dezember im Team.“ Die Fahrt auf der MS Seeshaupt ist aber auch für die erfahrene BRK-Frau etwas Besonderes: „Das ist sicher der exklusivste Impfort in ganz Bayern“, sagt sie.

Dr. Charlotte Rother stört es nicht, dass es nur wenige zum Impfen gezogen hat: „Ich sehe das positiv, es heißt ja vor allem, dass schon sehr viele Menschen geimpft sind und genau das wollen wir ja.“

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