Baldham – Karl May und die Abenteuer von Winnetou. Die Geschichte des Apachen-Häuptlings gleicht einem Mythos. Nicolas Finke aus Baldham im Landkreis Ebersberg hat als Siebenjähriger das Karl-May-Fieber gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen. Mittlerweile hat der 44-Jährige drei Bücher über die Darstellung von Karl-May-Werken auf den Bühnen Deutschlands herausgebracht. Was für ihn an den Werken des Autors und vor allem an dessen Figur Winnetou so faszinierend ist und was er von der Debatte um das Wort „Indianer“ hält, verrät er im großen Interview.
Herr Finke, was löst der Name Winnetou in Ihnen aus?
Winnetou ist zuallererst eine Kindheitserinnerung für mich. Und die Faszination dieser von Karl May geschaffenen Traumwelt hält bis heute an.
Wann befiel Sie denn das Karl-May-Fieber?
1985 war ich als Achtjähriger mit meinem Vater bei den Karl-May-Festspielen in Elspe in Nordrhein-Westfalen. Dort spielte Pierre Brice, der ja in den 1960er-Jahren die Figur in den Filmen verkörpert hat, den Winnetou. Ich war total beeindruckt, man konnte den Wilden Westen förmlich schmecken.
Was hat Sie als Kind an der Figur des Winnetou besonders fasziniert?
Das Exotische, diese Traumwelt, in die die Figur eingebettet ist. Karl May regt damit die Fantasie an, man stellt sich vor, wie Winnetou und seine Welt aussehen.
Warum kommt Winnetou in sämtlichen Altersklassen so gut an?
Es ist der Schreibstil Karl Mays, der den Leser in kürzester Zeit in seinen Bann zieht. Diese fesselnde Gabe kommt sowohl bei Kindern als eben auch bei Erwachsenen sehr gut an.
Wann kam der Punkt, an dem Sie sich für Karl May als Autor im Allgemeinen interessiert haben?
Meine Mutter hat mir von der interessanten Lebensgeschichte Karl Mays erzählt. Mit elf oder zwölf Jahren dann habe ich mir seine Biografie „Mein Leben und Streben“ gekauft. Ich habe das Buch verschlungen, war fasziniert davon.
Wovon?
Dass er anfangs seinen Lesern weismachen wollte, er hätte diese Abenteuer als Old Shatterhand selber erlebt. Erst nach und nach bröckelte dann die Legende. Bevor er ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, hatte er eine kleinkriminelle Vergangenheit, ein aufregendes Leben.
Winnetou ist nicht nur eine Roman- und Filmfigur. er reitet auch über die Festspielbühnen. Sie haben mittlerweile zwei Bücher über die Bühnenstücke herausgebracht. Wie kommt man auf die Idee?
In den 80er-Jahren gab es den „Karl-May-Rundbrief“. Das war eine Zeitung, die Artikel von Fans enthielt. Dort veröffentlichte ich zum ersten Mal mit zwölf Jahren etwas. Das war vergleichbar mit einem Schulaufsatz. Doch ich hatte Blut geleckt: 1999 habe ich zusammen mit meinem Co-Autor Reinhard Marheinecke dem Karl-May-Verlag angeboten, ein Buch über die Geschichte der Festspiele in Bad Segeberg zu schreiben – und sie haben angebissen. Es war ein Erfolg und wir wollten ein weiteres Werk verfassen, dass die Geschichte der Karl-May-Inszenierungen auf der Bühne im Allgemeinen erzählt.
Das Buch erschien allerdings erst 22 Jahre später
Es handelt sich um ein Feierabendprojekt. Und berufsbedingt hatte ich nicht mehr so viel Zeit wie zu Beginn meines Studiums.
Wie kann man sich Ihre Einrichtung zu Hause vorstellen? Ein einziges Karl-May-Museum?
Ich habe sehr viele Bücher von Karl May, weit über 100. Aber ich besitze kein Karl-May-Zimmer mit einem Altar in der Mitte und Gewehren an der Wand (lacht).
Würde eine Netflix-Serie über Winnetou heute auch noch funktionieren?
Ja, hundertprozentig. Die Welten, die Karl May erschaffen hat, sind zeitlos. Filmemacher suchen nach solchen Fantasien. Im Falle von Winnetou würden sie das Drehbuch auf dem Silbertablett serviert bekommen. RTL hat ja bereits 2016 drei neue Karl-May-Filme produziert. Oder im Oktober läuft beispielsweise der Film „Der junge Häuptling Winnetou“ in den Kinos.
Also findet man Sie im Oktober im Kino?
Natürlich, ich habe drei Kinder. Gut, ich würde auch ohne meine Kinder gehen (lacht). Aber alleine wegen ihnen ist das ein Pflichttermin.
Sind Ihre Kinder begeistert oder genervt, dass der Papa schon wieder mit Karl May ankommt?
Wenn es ihnen nicht gefallen würde, würde ich sie nicht mitnehmen. Klar gebe ich ihnen weiter, was mich als Kind fasziniert hat oder frage, ob sie nicht mal ein Karl-May-Buch lesen möchten. Aber man muss unheimlich aufpassen, ihnen nichts aufzuzwingen, nach dem Motto: Das hat dem Papa gefallen, das wird dir auch gefallen.
Wie häufig führen die Urlaubsziele an einem Standort mit Karl-May-Festspiel vorbei?
Das spielt jetzt nicht die Hauptrolle bei der Urlaubsplanung, klappt aber dann doch fast jedes Jahr (lacht laut). Wir fahren gerne an die Ostsee, das kann man natürlich gut mit Bad Segeberg verbinden. Die Festspiele im süddeutschen Raum sind dann zumeist eher Tagesausflüge.
Bei wie vielen Festspielen waren Sie live dabei?
Schwer zu sagen. In Bad Segeberg beispielsweise habe ich in den vergangenen 32 Jahren keine Vorstellung verpasst. Insgesamt liegt die Zahl bestimmt über 100.
Was war das Verrückteste, das Sie getan haben, um bei einer Aufführung dabei sein zu können?
Mit zwölf Jahren bat ich meinen Vater, dass wir zu den Festspielen nach Bad Segeberg fahren, 600 Kilometer entfernt von meiner Heimat nahe Köln. Er sagte ja, stellte aber als Bedingung, dass wir mit dem Fahrrad reisen. Es regnete nahezu durch, man stieg damals nicht gerne auf das Rad. Wir haben acht Tage gebraucht, waren aber rechtzeitig zur Generalprobe der Premiere vor Ort.
Sind Sie heute von den Stücken noch genauso fasziniert wie als Kind?
Ja und nein. Ja, weil ich immer noch fasziniert davon bin, wie Karl May auf einer Bühne interpretiert wird. Nein, weil man mit der Zeit eine ganz andere Perspektive auf das Ganze bekommt. Ich nehme die Leistungen der Autoren und Schauspieler genau unter die Lupe.
Erhalten die Darsteller nach den Vorstellungen von Ihnen Feedback?
Das kommt schon vor. Je nachdem, wie nahbar die Schauspieler sind. In Bayern beispielsweise sind die Leute sehr offen.
Wie sieht es denn in Bayern bezüglich großer Festspiele aus?
Bayern gehört heutzutage zu den aktivsten Gegenden, was Karl-May-Aufführungen angeht. Die beiden bekanntesten Standorte sind dabei sicherlich Dasing im Landkreis Aichach-Friedberg und Eging am See im Landkreis Passau.
Und München?
München spielte vor allem in der Vergangenheit eine große Rolle. 1916 wurde am Gärtnerplatz erstmals überhaupt Winnetou auf einer Bühne aufgeführt – als Operette allerdings. Winnetou wurde in der Lokalpresse anschließend als „Trottelfürst“ bezeichnet. Die Meinungen über das Stück gingen auseinander. 1949 gab es sogar einige Vorstellungen am Flaucher.
Winnetou am Isarufer? Ziemlich skurril …
Ja, tatsächlich. Zwei Münchner Regisseure kamen auf die Idee, haben eine Freilichtbühne aus dem Boden gestanzt, extra eine Tribüne aus Hannover hertransportieren lassen und professionelle Schauspieler engagiert. Leider machte ihnen anhaltender Regenfall einen Strich durch die Rechnung. Das Projekt endete in einem finanziellen Fiasko und musste abgebrochen werden.
2001 nahm Bully Herbig mit „Der Schuh des Manitu“ die Winnetou-Geschichte aufs Korn. Ritterschlag oder wurde Karl Mays damit ins Lächerliche gezogen?
Eindeutig ein Ritterschlag für den Kosmos, den Karl May geschaffen hat beziehungsweise die Filme der 1960er-Jahre. Nur das, was eine gewisse Strahlkraft besitzt, kann auch als Parodie funktionieren. Ich konnte sehr gut darüber lachen.
Es gab aber auch viele kritische Stimmen …
Richtig. Pierre Brice, der mittlerweile verstorbene Film-Winnetou, empfand den Film als Respektlosigkeit. So können die Meinungen auseinandergehen.
Wenn wir da schon sind: Zuletzt entbrannte eine heftige Debatte um das Wort „Indianer“. Kritiker behaupten, es sei ein rassistischer Ausdruck.
Das ist eine Debatte, die man ernst nehmen sollte. Beide Seiten müssen sich die Argumente des jeweils anderen in Ruhe anhören. Danach muss miteinander eine Lösung gefunden werden. Ich selbst kann das nicht bewerten.
Welchen Ausdruck benutzen Sie?
Ich spreche meistens von „Indigenen“. Aber das ist nichts Neues, so habe ich die nordamerikanischen Ureinwohner früher schon bezeichnet. „Natives“ wäre auch eine Möglichkeit.
Müssen die Bücher Karl Mays entsprechend umgeschrieben werden?
Winnetou ist eine fiktive Figur. Ich denke nicht, dass man die Romane umschreiben müsste. Karl May hat durch die Winnetou-Geschichten große Sympathien für fremde Kulturen bei den Menschen ausgelöst. Das ist ein wichtiger Punkt in dieser Debatte.
Interview: Marco Blanco Ucles