Selbst auf dem Oktoberfest in München gibt es nicht überall Bier aus Masskrügen. Im Weinzelt trinkt man bekanntermaßen Wein. Längst sind Silvaner, Müller-Thurgau und Riesling im Land des Bieres angekommen. Aber vielleicht ist es auch nur ein besonders hartnäckiges Klischee, dass der Freistaat ausschließlich das Land des Bieres ist. Zur Wahrheit gehört, dass der Wein und Bayern auch schon ein weit über tausendjährige Freundschaft pflegen.
„Die ältesten Nachweise auf Weinbau in Franken stammen aus dem 8. Jahrhundert“, heißt es bei der Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim. Einer Sage nach begann der geregelte Weinbau mit den Benediktinerinnenklöstern in Kleinochsenfurt und Kitzingen in Unterfranken. Vom 12. bis zum 16. Jahrhundert sei Franken gar das größte zusammenhängende Wein-Anbaugebiet Europas gewesen. „Geistliche und weltliche Grundherren förderten den Weinanbau. Wein war ein ausgesprochenes Volksgetränk.“
Mehr als 360 Jahre nach dem ersten Anbau von Silvaner-Reben im unterfränkischen Castell gilt diese Sorte heute als der Frankenwein überhaupt – ob im Bocksbeutel oder einer Schlegelflasche. Wärmeliebend, Dürreperioden wegsteckend, robust: Der Klimawandel macht anderen Reben weitaus mehr zu schaffen als diesem Weißwein. Der Silvaner helfe, „so manch’ lange Fastnachtssitzung zu überstehen“, sagte 2009 der damalige Umweltminister und heutige Ministerpräsident Bayerns, Markus Söder (CSU). Wein sei ein verbindendes Kulturgut.
Seit diesem Jahr sieht das auch die Weltkulturbehörde Unesco so. Weinkultur gehört seit dem Frühjahr zum Immateriellen Kulturerbe in Deutschland. Dazu zählen lebendige Traditionen aus vielen Bereichen, so auch der Streuobstanbau und die traditionelle Bewässerung der Wässerwiesen in Franken.
Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) kommt der Weinbau in Ober- und Mittelfranken fast zum Erliegen. Klimaveränderungen und auch der Siegeszug des Bieres lassen die Rebfläche von etwa 40 000 Hektar dramatisch schrumpfen. „Nach einer weiteren Blütezeit im 18. folgt im 19. Jahrhundert durch die Auflösung vieler Klöster und hohe Steuern ein erneuter Rückgang der Anbauflächen“, konstatiert die LWG. Rebkrankheiten wie Echter Mehltau und 1902 die Reblaus machen eine wirtschaftliche Trauben- und Weinerzeugung kaum noch möglich.
1950 gibt es in Franken noch 2360 Hektar bestockte Rebfläche. Erst in den 1960er- und 1970er-Jahren erholt sich die Branche. 1990 werden 7000 Winzerbetriebe gezählt, die rund 6000 Hektar Rebfläche vorwiegend auf Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper bewirtschaften – und das auch an steilen Hängen.
Heute ist Franken mit 99 Prozent der Anbaufläche das wichtigste Weinanbaugebiet in Bayern. Es gibt etwa 3500 Winzer und dazu Genossenschaften, die alle insgesamt auf mehr als 6300 Hektar Wein anbauen. Das lockt jährlich rund fünf Millionen Touristen, die gerne beim Winzer probieren und kaufen, an Keller-Führungen teilnehmen oder durch die Weinberge schlendern. Nach einer Studie geben sie dafür jedes Jahr etwa 700 Millionen Euro in Franken aus.
In Unterfranken haben sie gerade schon vereinzelt mit der Weinlese begonnen. Er habe erschreckenderweise festgestellt, dass Trauben schon zu faulen begonnen hätten und habe schnell handeln müssen, sagte ein Winzer aus dem Landkreis Kitzingen, der bereits mit der Lese der für Federweißen verwendeten frühreifen Rebsorte Ortega begonnen hat. Bis zur Hauptweinlese dauert es aber noch zwei, drei Wochen.
Eigentlich habe er noch eine Woche warten wollen, sagte der Winzer. Er habe sich dieses Jahr aber nach der Traubengesundheit richten müssen, die vier Tage Dauerregen am vergangenen Wochenende seien nicht gut für sie gewesen. „Man muss schnell handeln“, sagt er. Schließlich gilt es, eine uralte, bayerische Erfolgsgeschichte zu bewahren.
ANGELIKA RESENHOEFT
Das 18. Jahrhundert war die Blütezeit des Frankenweins