Geltendorf – Wenn Isaya Mutekhele Kenia mit Deutschland vergleicht, denkt er an die trockene Landschaft und die Hitze Ostafrikas. Und an seinen Schulweg: Als Kind ging Mutekhele jeden Tag insgesamt 40 Kilometer zur Schule. Jetzt marschiert der Kenianer mit 500 Wanderern auf einem Feldweg in Geltendorf (Kreis Landsberg am Lech). Sie alle sind zum Schloss Hohenschwangau aufgebrochen, 100 Kilometer in gut 24 Stunden. Die Wanderer tun sich die Qual an, um Spenden für „Learning Lions“ zu sammeln. Die Organisation bildet junge Menschen im Norden Kenias aus. Mutekhele unterstützt den Marsch, der Web-Entwickler war einer der ersten Absolventen des IT-Programms.
Wie Mutekhele starten die meisten Wanderer am Schloss Kaltenberg in Geltendorf, 150 weitere Teilnehmer haben sich für eine Teilstrecke entschieden. Von Geltendorf geht es weiter nach Utting am Ammersee. Vom See führt die Strecke über den Wallfahrtsort Wieskirche im Landkreis Weilheim-Schongau. Wer dann noch gehen kann, wandert weiter zu den Schlössern in Schwangau.
Bis zum Zieleinlauf fließen aber Schweiß und Tränen. Wieso tun sich die Teilnehmer das an? Neugier, sagen die einen. Grenzen austesten, sagen die anderen. Spenden sammeln, sagen alle. Die Charity-Pilger kommen aus ganz Deutschland, Belgien und den USA. Sie quälen sich nun durchs bayerische Oberland.
Zumindest bei der ersten Teilstation in Utting, Kilometermarke 20, lachen die meisten Aspiranten noch. Die Wanderer halten ihre aufgeheizten Füße ins Ammersee-Wasser. Zisssch. Sie stärken sich an den Versorgungsstationen. Wasser, Riegel und belegte Semmeln stehen auf dem Speiseplan.
„Unsere Helfer haben 2000 Semmeln vorbereitet“, sagt Beatrix von Bayern. Die Prinzessin ist Organisatorin des Löwenmarschs, ihr ältester Sohn Ludwig ist Ururenkel des letzten bayrischen Königs und Gründer der Organisation Learning Lions.
Die Organisation bildet Menschen in digitalen Disziplinen aus, sie baut IT-Schulen und Kindergarten für ihre Azubis. Von den Spenden des Marschs sollen neue Wohnungen und Kitas finanziert werden, sagt Ludwig von Bayern. Die Staatskanzlei unterstützt das Projekt mit 600 000 Euro. Das Löwenmarsch-Team besteht aus über 80 Helfern, sie kommen aus Deutschland, Spanien und Frankreich. Die Adelsfamilie ist eben gut vernetzt.
Die königlichen Verflechtungen in der Welt interessieren die Teilnehmer nach 30, 40 Kilometern wenig. Je mehr Kilometer sie auf dem Tacho haben, angezeigt auf Fitnessuhren, desto größer sind ihre Probleme. Fiese Blasen an Füßen, Gelenkschmerzen, Übelkeit. BRK-Helfer sprechen von umgekippten Teilnehmern. An den Straßenrändern stehen mitunter erschöpfte Wanderer, die sich übergeben. Es ist zudem Nacht geworden. Das Thermometer zeigt Temperaturen unter zehn Grad an. Die Wanderer haben sich nun warm angezogen und Stirnlampen aufgesetzt. Die Gruppen ziehen durch Wälder, an Bächen und schlafenden Kühen vorbei. Der Marsch bei Nacht, eine Mischung aus St. Martin und Marathon.
Rast im Schongauer Märchenwald, es ist 2.30 Uhr. Die Helfer in der Gaststätte versorgen die Gestrandeten mit Kaffee und Tee. Weitergehen oder aufgeben? Der Konjunktiv kreist in den müden Köpfen unschlüssiger Wanderer: Könnte ich es doch noch schaffen? Für viele Wanderer endet hier das Vorhaben nach 55 Kilometern.
Etwa um 6.30 Uhr geht die Sonne auf. Wer immer noch auf den Füßen ist, wird mit einer tiefroten Sonne belohnt. Manche bleiben stehen, machen ein Foto. Das Spektakel ist ein Trost für den Schmerz.
Die letzte Station ist die Löwenburg über Hohenschwangau. Die Teilnehmer schlängeln sich an Touristen vorbei zum Löwenhof. Wer das Plätschern des großen Brunnens hört, hat’s geschafft. Freude, Tränen, Erlösung. Die Fitnessuhr einer Teilnehmerin zeigt rund 120 000 Schritte an, demnach verbrannte sie 6300 Kalorien. Nur etwa ein Fünftel der 500 Starter hat es ins Ziel geschafft. Der Kenianer Isaya Mutekhele ist einer von ihnen. Knapp 22 Stunden hat er für die 100 Kilometer gebraucht. Mit ihm kommen bald über 750 000 Euro an Spenden zurück nach Kenia.